MEIN SELBSTVERSUCH

Es spielt keine Rolle, ob du dich auf Olympia oder auf den nächsten Vereinswettkampf vorbereitest, der Prozess ähnelt sich. In meinem Selbstversuch nehme ich dich mit auf eine turbulente Reise und erzähle, wie eine "Schnapsidee" eine alte Vision neu entfachte, daraus ein ernsthaftes Ziel wurde und wie ich den Weg von der Vorbereitung bis zur Umsetzung bestreite.  Dabei werde ich einige Mentaltools einsetzen und Fachwörter benutzen. Wenn du mich als Coach kennst, dann wird dir bestimmt einiges bekannt vorkommen. Die Tools sind nicht als Anleitung gedacht und werden nicht vollständig erklärt. Die Interventionen und Fachwörter sind jeweils violett eingefärbt, damit du dich bei Interesse noch weiter damit beschäftigen kannst.  


Verzeiht mir die spontane Sprache. Nachfolgend findet ihr keinen literarischen Text, sondern eine Niederschrift meiner Gedanken und Aktivitäten, die ich möglichst authentisch notiere.

 

LOS GEHT'S...


Folge 1: Wie kommt man denn auf so was? 

September 2024

Nach meiner Zeit als Wettkampfsportlerin im nationalen und internationalen Bereich mit vielen Challenges folgte eine Zeit, in der ich es genoss, nicht mehr trainieren zu müssen, sondern nur dann etwas zu tun, wenn ich Lust dazu hatte. Ich absolvierte die Ausbildung zum Sport Mental Coach und übe seither diesen Beruf mit viel Herzblut und Begeisterung aus und bleibe dem Wettkampfsport in dieser Hinsicht verbunden.
Alle Sportlerinnen und Sportler unter euch wissen jetzt genau, was kommt: Ein Sportler bleibt ein Sportler und braucht eine eigene Challenge und so meldete sich nach ein paar Jahren mein Sportler-Ich aus meinem inneren Team relativ laut zurück. Und es war klar: Eine neue Challenge musste her…
Ich bin kein Fan von Spiritualität und glaube auch nicht an Zufälle, aber ich bin der festen Überzeugung, dass Ideen, Menschen und neue Möglichkeiten einem begegnen, wenn man dafür offen ist und bereit ist, sie zu erkennen und nicht krampfhaft danach sucht.
Geduld ist definitiv nicht meine Stärke und so waren meine Augen und Ohren diesbezüglich wohl besonders empfänglich. Drei Hinweise in ein und derselben Woche waren dann auch Material genug, um meine neue Challenge zu kreieren.

Hinweis 1: Von einem Schüler meiner Klasse (ich bin meinem Erstberuf als Primarlehrerin mit einem Teilpensum treu geblieben) bekomme ich nach seinen Ferien als Souvenir seiner Berlinreise ein kleines Brandenburger Tor geschenkt. Was er nicht weiss: Vor meiner Blutanämie-Diagnose war der Berlin-Marathon mit dem Zieleinlauf am Brandenburger Tor jahrelang meine sportliche Vision. Nach der Diagnose war sämtlicher Ausdauersport tabu und somit kam es nie zur Begegnung mit mir und dem Brandenburger Tor. Ich erzähle ihm die Geschichte und er meint trocken: «Sie können das Tor ja auch als Touri besuchen». Wo er recht hat, hat er recht. Nur ist damit mein Sportler-Ich nicht zufrieden zu stellen.

Hinweis 2: Während mein holländischer Physiotherapeut meine vom letzten Meisterschaftstag «zerfetzte» Wadenmuskulatur malträtiert (ich meine natürlich "therapiert", es fühlt sich nur gerade anders an) versucht er mir durch die Blume zu erklären, dass meine Beine wohl nicht mehr den gleichen Einsatz leisten können wie vor 20 Jahren und ich eventuell die Sportart wechseln sollte. So nebenbei erwähnt er den 4x 40km Marsch in Nijmegen (Holland).  Zur Erklärung: Ich spiele nur noch ab und zu Faustball in einem 1. Liga-Frauenteam und trug in den letzten zwei Jahren nicht nur Medaillen, sondern auch zwei üble Muskelfaserrisse heim.

Hinweis 3: Ich bin ab und zu (manchmal auch abends spät) auf der Suche nach einem Wanderbuddy, der mit mir irgendeinen spontanen Einfall erwandert. So auch an einem Samstagabend Anfang September 2024 – der grosse Mythen stand auf dem Programm. Auch dieses Mal meldete sich jemand aus meinem Freundeskreis – die liebe Lea aus dem Kanton Zug. Während dem doch recht steilen Aufstieg hatten wir noch genügend Energie zum Quatschen und merkten schnell, dass wir beide die eine oder andere crazy Idee im Kopf haben. Ein Stichwort von Lea blieb bei mir hängen: «1x zu Fuss um den Zürichsee – am Stück».

Mein Gehirn rattert und kreiert einiges zusammen und dank Google bringe ich es auf einen klaren Nenner: Gibt man «Brandenburger Tor» aus Hinweis 1, «Marsch» aus Hinweis 2 und «100km am Stück» aus Hinweis 3 ein, so erscheint ein Hinweis, der klarer nicht sein kann:
MAMMUTMARSCH BERLIN. 100KM IN 24 STUNDEN. ZU FUSS.
Noch ein passendes Youtube-Filmchen dazu und meine nächste Challenge ist klar!
Und da ich die 72-Stunden-Regel bestens kenne (und in meinen Coachings sogar empfehle, diese Regel auf 48-Stunden zu kürzen), muss ich auch gleich eine erste Tat folgen lassen…



Folge 2: Naive Entscheidung und erste Zweifel

September 2024

Gedacht, getan: Keine 48 Stunden nach dem Google-Ergebnis «Mammutmarsch Berlin» schreibe ich Lea folgende Nachricht:















Bis zu diesem Zeitpunkt kenne ich Lea nicht wirklich gut, aber was ich definitiv sagen kann: Ich habe jemanden gefunden, der genau so crazy denkt und vor allem schnell und überzeugt handelt wie ich. Für mein Projekt habe ich also schon eine äussere Verbündete gefunden. Als Mental Coach weiss ich, dass die ersten Zweifel sich kurz nach Beenden einer ersten Euphorie-Phase melden und erledige die ersten Schritte deshalb, bevor sich Mr. Zweifel bemerkbar macht. Keine weiteren 24 Stunden später besitze ich also ein Startticket, ein Zugbillett nach Stuttgart und auch eine B&B-Bleibe ist gebucht. Es gibt kein Zurück mehr. In der festen Überzeugung, heldenhaft gehandelt zu haben, lege ich mich zufrieden ins Bett und schlafe positiv gestimmt ein.

Als wäre er unterdrückt worden, meldet sich Mr. Zweifel am nächsten Morgen mit lauter Stimme. (Zur Erklärung: Meinen inneren Stimmen gebe ich Namen, damit ich sie besser beschreiben kann. Keine Angst, das ist kein psychischer Knacks, es handelt sich um meine verschiedenen Gedanken, welche ich mit dieser Methode besser einordnen und steuern kann).
Wir sind bei Mr. Zweifel stehen geblieben, der sich nach meiner naiven? «Anmeldungs-Euphorie» heftig zurückmeldet. «Und was, wenn es regnet?» «Stehen Toiletten auf der Wanderstrecke?» «Welchen Rucksack nehme ich mit? Und was nimmt man mit auf eine zirka sechsstündige Wanderung…» «… in einer Stadt, die ich nicht kenne?»
Ein paar Mammutmarsch-Youtube-Filmchen als Vorbereitung sollen Beruhigung schaffen, doch Mr. Zweifel findet darin weitere Argumente und prescht weiter auf mich ein: «Meine Wanderschuhe sind gut für die Berge, aber doch nicht für einen Stadtmarsch.» «Ich habe keine passenden Schuhe» «In den Filmen schmieren sich alle die Füsse mit Hirschtalg ein. Was um Himmels Willen ist Hirschtalg?»
Ich könnte die Liste noch weiter füllen, aber bevor ich euch damit langweile, schildere ich lieber, wie es nach dem «Zweifel-Sturm» weiter geht.



Folge 3: Schuhe, Blasenpflaster und erste Trainingsmärsche

September 2024

In vier Wochen ist es also soweit und ich bestreite meinen ersten Mammutmarsch. «Ohne grosse Vorbereitung, einfach mal los und schauen, wie das so abgeht…“ war der eigentliche Plan. „Sind ja nur 30km“. Dass dieses Vorhaben ohne geeignete Schuhe nicht funktionieren wird, ist mir klar. Also besteht die erste Mission darin, geeignete Schuhe zu kaufen. Nach einer kompetenten Beratung und ein paar Franken weniger in der Tasche besitze ich die hoffentlich perfekten Marschschuhe. Die Tasche, welche mir die Verkäuferin anbietet, lehne ich dankend ab – es sind ja nur Schuhe.
Raus aus dem Sportgeschäft – rein in die Apotheke:
„Grüezi, ich möchte gerne Blasenpflaster für die Füsse kaufen.“
„An welcher Stelle ist die Blase?“
„Das weiss ich jetzt noch nicht.“
Die Verkäuferin schaut mich verdutzt an und so erkläre ich der lieben Dame mein Vorhaben, lasse mich beraten und verlasse die Apo kurze Zeit später mit Pads aller Art, die wahrscheinlich für die nächsten 20 Märsche reichen. Und wenn ich schon dabei bin, sollte ich mir doch vielleicht mal eine gute Regenjacke kaufen. Also wieder rein ins Sportgeschäft. Und schliesslich gehören zu einer Marsch-Regenjacke auch Marsch-Handschuhe und eine Marsch-Mütze dazu, oder nicht? Und wie ist das eigentlich mit den nahtfreien Unterhosen? Dieses Verhalten nenne ich in meinen Coachings „Zweifel-Attacken“. Die Zweifel werden ernst genommen und mit überlegten Handlungen „attackiert“. Wie überlegt meine Handlungen in diesem Moment sind, sei dahingestellt. Auf jeden Fall nehme ich dieses Mal die angebotene Tasche gerne zu meinen Einkäufen dazu. 


So viel zum Thema „Ohne grosse Vorbereitung, einfach mal los…“

Die Basisausrüstung stimmt erst mal, aber ich weiss immer noch nicht, wie sich 30 Kilometer anfühlen. Ich gehe viel wandern und bin ab und zu mal einen ganzen Tag zu Fuss unterwegs, aber mehrheitlich geradeaus und in einem zügigen Tempo, das soll ja was ganz anderes sein. Also mache ich mich auf und absolviere ein paar Trainingsmärsche. Um die Familienzeit nicht zu arg zu strapazieren, starte ich jeweils früh morgens und bin dann entweder zum Frühstück wieder zurück oder marschiere an den Ort, wo sich meine Familie aufhält (z.B. an ein Meisterschaftsspiel meiner Kids). Und so sammle ich in den nächsten vier Wochen meine ersten Marschkilometer – 17km um den Flughafen, 20km um den Greifensee, 23km zu einem Sportplatz. Da mir bewusst ist, dass ich nicht nur für den Wettkampf, sondern auch den Wettkampf trainieren soll («Trainiere den Wettkampf» vs. «Trainiere für den Wettkampf») probiere ich auch Stirnlampe, Navigationstool und das Marschieren in der Dunkelheit aus. Dabei merke ich, dass ich mit einer Akkuladung unmöglich einen ganzen Marsch mit dem Handy durchnavigieren kann, meine Stirnlampe viel zu schwach ist und meine eigene Sichtbarkeit nach der Dämmerung auf dem Nullpunkt ankommt. Ihr ahnt, wie es weitergeht und welche Einkäufe ich noch kurz vor dem ersten Startschuss erledigen muss.

Wie war das nochmal? «Ohne grosse Vorbereitung, einfach mal los und schauen, wie das so abgeht…“


Folge 4: Mammutmarsch Stuttgart, 30km - Die geilste Banane und andere Leckerbissen

Oktober 2024

So stehe ich also ein paar Tage später zusammen mit Lea («ohne grosse Vorbereitung», versteht sich) in der Startschleuse am Mammutmarsch in Stuttgart und warte auf den Startschuss. Was heisst da «Startschuss»? Was uns da erwartet ist eher ein «Aufbäumen der Mammutherde vor dem grossen Marsch durch die Wildnis». Schon beeindruckend, welch tolle Stimmung ein Speaker und ein paar hundert motivierte «Mammuts» (so nennen sich die Mammutmärschler) raushauen. Fasziniert und mit genügend Startadrenalin geht es also los auf die 30 Kilometer in der Gegend um Stuttgart. Während meinen stundenlangen Recherchen («ohne grosse Vorbereitung», versteht sich) habe ich immer wieder von den Verpflegungsstationen, den VPs, gelesen und mich besonders auf diese speziellen Stationen gefreut. Nach den ersten sieben Kilometern stehen wir total überrascht bereits am ersten VP. Ich habe da ein paar Müesliriegel, etwas zu Trinken und etwas Obst erwartet. 

Aber was da geboten wird, ist der absolute Wahnsinn. Nach einer Waffel (also bitte, wie cool ist das denn: eine Waffel! Nur leider hat sich die Büchse mit Vanillesauce als Essigkurgen-Pot entpuppt), einer Banane und frischem Tee (OMG, der beste Tee der Welt!) reisst mich Lea mit einem «Hey, wir müssen weiter» aus dem Paradies. Und übrigens: Das war nicht irgendeine Banane! Das war die leckerste und motivationsschubendse Banane, die ich je gegessen habe (da verliere ich sogar meine Grammatikkenntnisse 😊). Die lieben Volunteers nehmen sich Zeit, um Motivationssprüche auf die Bananen zu schreiben. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie gut das in einem solchen Moment tut. Naja, okay, es sind erst sieben Kilometer vergangen, aber trotzdem: es fühlt sich wunderbar an!
Es geht also weiter, gefühlt nur bergauf. Nach den nächsten knapp zehn Kilometern und einem weiteren Aufstieg erreichen wir das Schloss Solitude mit dem nächsten VP.  Noch völlig «geflasht» von den Motivationsbananen und der Waffel beschliessen wir, hier keine Pause einzulegen und weiter zu marschieren.
Eventuell war das ein Fehler, denn nur ein paar Kilometer weiter machen sich die ersten (kleinen!) Blessuren bemerkbar. Ich spüre Schmerzen in meiner Hüfte, Leas Tempo ist mir eventuell doch etwas zu hoch (habe ich schon erwähnt, dass meine «Gordine» (das ist eine andere Geschichte) fast 20 Jahre jünger ist als ich?) und dass da überall Leute sind, die bekloppt in der Gegend herumlatschen, fand ich dann auf einmal auch nicht mehr so toll. «Aha» – meldet sich der Sport Mental Coach in mir und analysiert die Situation streberhaft: «Die obligatorische Krise! Da findet man alles doof». Meine Gedanken auf den nächsten zwei bis drei Kilometern spielen verrückt und gefühlt jeder Teil in mir muss seinen Senf dazugeben (unkontrollierte Selbstgespräche). Von «was mach ich da überhaupt?» über «nach äm Rege schiint d’Sunne…» (wer kennt dieses bescheuerte* Sprichwort nicht?) bis «nur weiter, wenn die Krise überwunden ist, geht’s einfacher.»

*Das Sprichwort ist überhaupt nicht bescheuert, aber in einem solchen Moment fühlt es sich wahnsinnig bescheuert an und vor allem dann, wenn man die Liederversion von Peach Weber kennt und deren Melodie sich ungewünscht im Kopf einnistet: Nachem räägne, chunnts go schiffe, nachem schiffe, do seichts...

Ich möchte euch nicht weiter langweilen mit meiner Krise, sie dauert tatsächlich auch nur wenige Kilometer an. Und ihr werdet nicht erraten können, was mich aus diesem Zwischentief geholt hat. Nein, kein Tool aus meinem Fachgebiet. Nein, auch nicht Leas gutes Zureden. Und nein, auch kein positives Denken. Es ist viel wertvoller, viel spezieller, viel magischer und vor allem viel wirkungsvoller: Ein Milchbrötchen am nächsten VP (ja genau, das sind die labbrigen Dinger, die meine Kinder immer wollen und nie kriegen). Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie geil ein Milchbrötchen nach 22 Kilometern schnellem Gehen und während einer Zwischenkrise schmeckt – unbeschreiblich.

Von der Krise ist danach jedenfalls nichts mehr zu spüren und nach diesem wahnsinnigen kulinarischen Highlight geht es frohen Mutes auf den letzten Drittel der Strecke. Diesen geniesse ich tatsächlich in vollen Zügen (im Milchbrötchen-High). Ich glaube, ich rede recht viel (Hauptthema: Essen) und alles fühlt sich auf einmal so sinnvoll und so toll an. Auch die vielen Mammuts um mich herum geben mir ein gutes Gefühl und die Sinnhaftigkeit meiner Tätigkeit stelle ich auch nicht mehr in Frage. Auf den letzten fünf Kilometern geben wir beide dann nochmals richtig Gas und marschieren nach knapp sechs Stunden reiner Marschzeit durchs Ziel.
In meinen Vorbereitungs-Youtube-Recherchen habe ich von diversen Mammuts gehört, dass sich die Wahrnehmung nach einer Anzahl marschierter Kilometern verändert. Zugegeben, das waren Mammuts, die sich an die 100km-Märsche wagten, doch trotzdem nimmt es mich wunder, wann dieser Zeitpunkt eintritt, und so stelle ich im Ziel eine für mich hochinteressante Frage an Lea: «Was denkst du, wie viele Kilometer muss man gehen, bis man nur noch Mist labbert?» Ihre Antwort ist kurz und klar: «Bis zur ersten bemalten Banane.»


Folge 5: Wo sind meine Grenzen?

Oktober 2024

Schritt eins «Einfach mal los und schauen, wie das so abgeht» ist also getan. Ich bin jetzt gar nicht sicher, ob ich glücklich darüber bin, dass ich den 30km-Marsch «so easy» geschafft habe oder traurig darüber, nicht wirklich an meine Grenzen gekommen zu sein. Das Google-Ergebnis «100km in 24h» lässt mich noch immer nicht los und ich möchte wissen, wo meine Grenzen sind. So liege ich am Abend nach meinem ersten Marsch im Bett in einer B&B-Bleibe in Stuttgart und google die nächsten Marsch-Events, was sich als nicht ganz einfach entpuppt, da das Saisonende schon vor der Tür steht. Bei einem anderen Langmarsch-Organisator finde ich eine Veranstaltung, die in meine Agenda passt: Megamarsch in Nürnberg - 50 Kilometer in 12 Stunden. Mr. Zweifel meldet sich nur kurz und hat dieses Mal auch nur ein einziges Argument gegen mein Vorhaben: «Und deine Familie?» Wo ein Ziel ist, ist auch ein Weg antwortet ihm «die Ehrgeizige» und so starte ich so sanft wie möglich eine Whatsapp-Konversation mit meinem Mann.

















Aus taktischen Gründen ein paar Minuten später:


















Ihr kennt die 72-Stunden-Regel, oder? Und auch, dass ich meinen Kundinnen und Kunden empfehle, diese auf 48 Stunden zu kürzen? Und genau deshalb besitze ich keine 24 Stunden später, kurz nach der Rückkehr aus Stuttgart, das nächste Marschticket, zwei Bahntickets nach Nürnberg und die Bestätigung eines Wellnesshotels (mit S-Bahnverbindung zum Marschstart).

Die vier Wochen zwischen Stuttgart und Nürnberg verbringe ich mit dem normalen Alltagsleben einer Mutter/Lehrerin/Mental Coach. An den Wochenenden bestreite ich weiterhin mindestens einen Trainingsmarsch von 15 bis 25 Kilometern. Der Satz «ohne grosse Vorbereitung» stimmt ja schon seit dem Zeitpunkt, als ich ihn geschrieben habe, nicht mehr und verliert in den nächsten Tagen weiter an Bedeutung. Dieses Mal fühlt es sich auch nach einem konkreten Plan mit einem Ziel an. Ein Ziel nach der SMART-Methode enthält den Faktor «attraktiv». Wenn ich ganz ehrlich bin, dann waren die 30 Kilometer in Stuttgart zu wenig attraktiv, damit ich von einer wirklichen Zielerreichung sprechen könnte. Das ursprüngliche Ziel «einfach mal los und schauen, wie das so abgeht» passt schon besser zum Vorhaben von Stuttgart. Wobei dieser Satz nicht wirklich ein Ziel darstellte, sondern eher als «Slogan» zu verstehen ist, ein Grund, etwas auszuprobieren.
Das Projekt «50km in 12h» fühlt sich ernsthafter an. Es fühlt sich eher nach einer Grenzerfahrung an als die 30 Kilometer und so ist auch der Respekt davor grösser und meine Vorbereitungen (noch) seriöser. Es folgen keine grossen Equipment-Ausgaben, sondern körperliche Vorbereitungen wie Wadenmuskeln stärken, Hüftentzündung therapieren, Fussgelenke kräftigen, Fusssohlen weich halten und damit Blasen vorbeugen (Geheimtipp: Vaseline) und, so peinlich es auch tönt: Blasentraining (in Nürnberg wird es nur noch alle zirka zwei bis drei Stunden Verpflegungs- und WC-Möglichkeiten geben).
Ob diese Vorbereitungen reichen, werde ich in ein paar Tagen erfahren.


Folge 6: Megamarsch in Nürnberg, 50km - Komme ich an meine Grenzen?

November 2024

Ganz nach meinem Firmenmotto «no luck – pure skill» packe ich am Vorabend des Marsches meinen Rucksack. Ich beeinflusse so viel wie möglich und möchte die Kontrolle (mindestens übers Material) behalten. Die Gegenstände sind in einzelne Säcke und Boxen abgepackt und fein säuberlich angeschrieben, um während der Marschzeit den Überblick zu behalten (auch im Falle, dass sich nach ein paar Stunden pausenlosem Marsch meine geistigen Fähigkeiten verringern sollten – so, wie ich es in einigen Vorbereitungsfilmen gesehen habe). Der Rucksack ist also gepackt.

Am nächsten Morgen stehe ich in der Startschleuse mit dem Wissen, wie lange die Strecke ist und mit dem Unwissen, wie mein Körper und mein Kopf darauf reagieren werden. Für ein solches Vorhaben ist es wertvoll, sich selbst gut zu kennen und gewisse Gelingensbedingungen danach zu richten. Ich weiss, dass der Faktor Heimweh bei mir energisch anklopft und eine unangenehme Eigendynamik entwickelt, sobald ich in einer Grossstadt unterwegs bin und noch heftiger, wenn ich es allein tue. Es gilt also, diesen möglichen Spielverderber knockout zu setzen, bevor er sich wagt, sich aufzubäumen. Massnahme 1: Mein Mann begleitet mich auf dem Weg vom Hotel bis zum Start – das tut gut! Massnahme 2: Ich nehme mir vor, unterwegs Kontakte zu knüpfen, um immer wieder ein paar Kilometer gemeinsam mit anderen marschieren zu können. Und ganz ehrlich bin ich auch mega gespannt, was andere Menschen dazu bewegt, hier mitzumachen und freue mich darauf, berührende Lebensgeschichten zu hören.

Der Marsch geht los und schon in der ersten Kurve erkenne ich die zwei Typen, welche mich beim Start gebeten haben, ein Foto von ihnen zu machen. Ich geselle mich zu ihnen und frage, ob es okay ist, wenn ich ein paar Schritte mit ihnen gehe. Elf Stunden später sind wir noch immer zu dritt unterwegs und rennen (!) gemeinsam ins Ziel.


Aber nun der Reihe nach: Die ersten gut sechs Stunden läuft alles recht flott. Wie es auf den ersten 30 Kilometern «so abgeht», weiss ich ja bereits von Stuttgart und die kleinen Aufs und Abs bringen mich nicht aus der Ruhe. Die VPs liegen in weiterer Entfernung auseinander als in Stuttgart und so benötige ich auch etwas länger Zeit pro Station, um meinen Ess-- und Trinkvorrat aufzufüllen, das Toitoi zu besuchen und die Kleidung anzupassen. Noch liegen die Blasenpflaster, Tapes und Salben unangetastet im Rucksack. Noch…

Am VP bei Kilometer 30 wartet mein Mann auf mich - voll gechillt und mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Ganz so gechillt fühle ich mich nach 30 Kilometer nicht mehr, aber ich freue mich dennoch sehr, ihn zu sehen. Und es wartet an dieser Station noch ein Highlight auf mich: Eine Portion Linsensuppe. Ich hätte nie gedacht, dass mich eine Linsensuppe mal eben auf einer Gefühlsskala von 1-10 auf eine 11 katapultiert. Oder ist das schon die verschobene Wahrnehmung? Egal, es ist in diesem Moment gerade das beste, das leckerste, das obergenialste Essen der Welt.
Ich spüre ein Ziehen in meinen Oberschenkeln und möchte die 1-2 Minuten, die ich in der Toitoi-Warteschlange stehe, dazu nutzen, die Beine etwas zu dehnen. So, wie ich das immer mache, «spicke» ich den Fuss nach hinten in meine Hand, um den Oberschenkel zu dehnen. Das ist ein Fehler! Beine, die seit sechs Stunden nichts anderes machen, als zu marschieren, verlieren ihre Flexibilität und sparen die Energie für die Tätigkeit, die sie brauchen. Alle anderen Bewegungen sind kaum mehr möglich. Und vor allem nicht in diesem Tempo. Es zerrt ganz schön und die Schmerzen sind jetzt definitiv grösser als vorher. Aufgeben ist keine Option und so geht es nach ein paar Minuten weiter in Richtung Ziel.

Die nächsten 20 Kilometer sind tatsächlich komplett anders als die ersten 30. Der Körper beginnt, komische Sachen zu «produzieren», die rational nicht mehr nachzuvollziehen sind. Es machen Gelenke und Muskeln auf sich aufmerksam, als würden sie um ihre Existenz buhlen. Auch meine beiden Wanderbuddies kämpfen mit einigen Spielverderbern. Und viele andere auch. Gefühlt in jeder Kurve stehen Märschler, welche sich entschieden haben, den Marsch abzubrechen und auf den nächsten Bus oder aufs Taxi warten. Auch sehe ich vermehrt Leute, die am Wegrand sitzen und ihre Blasen abkleben oder sich die Füsse verbinden. Da geht es mir mit meiner Oberschenkelzerrung ja noch recht gut… Wenn es stark bergab geht, muss ich rückwärts gehen, aber sonst kann ich recht gut mit diesem Handicap leben, äh marschieren. Es dreht sich nur noch alles ums Marschieren (irgendwie extrem cool, fast meditierend, wenn du nur noch ein Thema im Kopf hast aber irgendwie auch anstrengend, wenn es nicht enden will). Wer kennt das Kinderlied «Esel lauf mit» von Andrew Bond aus der Weihnachtsgeschichte?  Leicht abgeändert (angepasster Zielort) begleitet mich der Refrain die letzten 15 Kilometer und ich wünsche mir, es nicht zu kennen.
«Esel lauf mit, Schritt für Schritt, feschtä Tritt, langsame Gang. Stock und Stei, müedi Bei, dä Wäg nach Nürnberg isch no lang.»
Warnung an alle Märschler da draussen in der deutschsprachigen Welt: Lied nicht googeln, nicht spotifyen und schon gar nicht die CD kaufen. Einmal gehört wird es euch auf Schritt und Tritt bei eurem Hobby verfolgen.
Oder ist es vielleicht genau das, was ich in diesem Moment brauche? Ein Handlungsauftrag an meine Beine, welcher ich mantramässig wiederhole. Wobei das Wort «ich» etwas übertrieben ist. Es erweckt den Eindruck, als könne ich mich noch komplett selbst steuern. Ehrlich gesagt müsste ich den Satz wie folgt schreiben: Ein Handlungsauftrag an meine Beine, welcher sich mantramässig in meinem Kopf wiederholt (und mich zwischenzeitlich ganz schön NERVT!).

Mittlerweile ist es dunkel und wir latschen, mit Stirnlampen und Reflektoren bewaffnet, durch die Dunkelheit. Davor hatte ich grossen Respekt und bin positiv überrascht, welche gemütliche Stimmung die Dunkelheit bringt.

Die Idylle wird nur durch die Schmerzkreativität meines Körpers getrübt. Diese ist dafür verantwortlich, dass sich immer wieder andere Stellen meines Körpers melden. Der wohl dümmste Ort dafür ist zwischen meinen Pobacken. Ich habe bisher auf der Strecke einige Männer gesehen, die vom «Wolf» geplagt werden und sich deshalb fortbewegen, als hätten sie in die Hose ge…. Meine männlichen Begleiter haben mich dann aufgeklärt, dass das Gegenstück des «Wolfes» der «Bär» sei. Scheissegal, welches Tier sich bei mir eingenistet hat, es ist einfach unangenehm schmerzhaft. Am letzten VP, ungefähr zehn Kilometer vor dem Ziel, muss dann die erste Salbe her. (Keine Angst, davon gibt es weder eine Schilderung noch Fotos.)

Märschler, die zu diesem Zeitpunkt komplett blasenfrei sind, gibt es weniger als solche, die sich schon eine halbe Packung Pads an die Füsse geklebt haben. Ich bin überglücklich, dass ich zur «blasenfreien Gäng» gehöre. Da haben sich die Zusatzfränkli für die guten Schuhe und das allabendliche Eincremen mit Vaseline wohl gelohnt.

Die nächsten zwei Stunden verbringe ich damit, meinen Gedanken zuzuhören. Diese beschäftigen sich abwechslungsweise mit dem Esel (Lied), dem Bären (Schmerz) und dem Wolf (nein, nicht der an den Oberschenkeln, sondern der im Bauch: Hunger). Während meinem tierischen Gedanken-Schlagabtausch entgeht mir fast eine ultrawichtige Tafel: Nur noch 1 KM! DU BIST MEGA! ZIEH DURCH! In diesem Moment geschieht etwas Spannendes: Irgendwie tut gerade nichts mehr weh und ich freue mich riesig auf den Zieleinlauf. Erst gerade war das Ziel noch so brutal weit entfernt und jetzt habe ich es vor der Nase.

Falsch geglaubt: Ich marschiere gerade den längsten Kilometer meines Lebens. Und ich möchte jetzt von keinem Streber unter euch hören «Ein Kilometer ist immer gleich lang». Dann marschiert doch bitte mal 49 Kilometer lang und begebt euch auf den letzten Kilometer und dann werdet auch ihr ein physikalisches Wunder erleben: Dieser Kilometer ist NICHT gleich lang, wie alle anderen Kilometer auf diesem Planeten!!! Ende der Diskussion! Er hört nicht auf und es macht es nicht besser, dass alle 100 Meter ein neues Schild aufgestellt ist, welches dir (gut gemeint) mitteilt, wie lange es noch geht. Und es macht es auch nicht besser, dass dir viele Menschen mit einer Megamarsch-Medaille umgehängt entgegenkommen, die das Ziel bereits erreicht haben und halluzinativ zur S-Bahnstation torkeln.

Oh HALT! Wo rennen meine beiden Wegbegleiter auf einmal hin? Denken funktioniert eh nicht mehr, also nichts wie hinten drein…
Und fast zeitgleich höre ich die Speakerdurchsage: «Da kommen die nächsten drei ins Ziel – sprintend, unglaublich! Gratulation, ihr habt es geschafft!»

Das waren sie also, die 50 Kilometer in Nürnberg! Ich habe es geschafft. Zusammen mit zwei interessanten Wegbegleitern – Danke euch beiden!

Im Ziel wartet mein Mann auf mich (dieser Satz stimmt nicht ganz, die 100%ige Wahrheit erzähle ich euch gerne persönlich, aber jetzt geht es wahrheitsgetreu weiter: ) Er umarmt mich und fragt mich hoffnungsvoll: «Und, bist du endlich an deine Grenzen gekommen?» Ohne zu überlegen antworte ich überzeugt: «Nein, sonst würde ich jetzt nicht da stehen.»
Ich verschiebe die Analyse dieser Antwort besser auf morgen oder übermorgen. Nun möchte ich einfach nur noch schlaaaaafen…. Und vorher noch meinen Bärenhunger (oder war es der Wolf?) stillen.

Meine letzten zwei Statusfotos möchte ich gerne noch mit euch teilen. Sie sind vor allem für all diejenigen, welche sich durch social media Fotos gerne leiten lassen und denken, dass das die volle Wahrheit ist.

        

                    Foto 1: social media tauglich

           GESCHAFFT! Geiles Gefühl

                      Foto 2: real life – Picture

   so sieht man nach gut 80'000 Schritten aus




p.s.1: Von wegen “blasenfreie Gäng»… Zurück im Hotel heisst es: Aus den Schuhen und aus den Socken und da entdecke ich drei Blasen am rechten Fuss – so gross, dass sie fast zu einer Gesamtblase zusammengewachsen sind. Warum nur habe ich nichts gespürt? War der Oberschenkelschmerz so stark oder der Bär zu mächtig? Oder war es doch die verschobene Wahrnehmung? Es ist mir so was von egal, warum dies so ist, ich bin froh, die Blasen nicht gespürt zu haben und ich wenigstens eine partielle Mitgliedschaft in der «blasenfreien Gäng» aufweisen kann. 

p.s. 2: Ich habe mich so fest auf die Dusche und den Schlaf danach gefreut. Problem 1: Ohne Hilfe komme ich nicht mehr aus der Dusche (weil Badewannenrand zu hoch) und Problem 2: Nach 50 Kilometer spürst du keine allgemeine Müdigkeit wie nach einem anstrengenden Wandertag. Nein, es ist eine schmerzende Müdigkeit – du spürst jeden einzelnen Muskel von der Hüfte abwärts, sogar jeder einzelne Zeh schmerzt. Das hatte ich noch nie zuvor. Ich versuche, mich selbst zu täuschen und plagiiere einige Male «Es geht mir blendend», bis ich erschöpft einschlafe (und hoffe, in der Nacht nicht auf die Toilette zu müssen – ich wüsste nicht wie…)


p.s. 3: Am Tag danach pflastere dann auch ich meine Füsse (bzw. den einen Fuss) mit Blasenpads voll. Aber hey: Wir ziehen die vereinbarte Stadtbesichtigung durch und es geht mir BLENDEND (das antworte ich auf jeden Fall jedem, der mich nach meinem Zustand fragt). Die Altstadt ist echt schön und auch schön gross und so werden bei der Stadttour nochmals knapp 15'000 Schritte vermerkt (einen Teil davon rückwärts, vorwärts geht nicht mehr :-)


Folge 7: Wenn der Mentalcoach einen Mentalcoach nutzt

Dezember 2024

Auch wenn es in der Schilderung wenig betont wird: Ich habe den Marsch in Nürnberg über weite Strecken wirklich genossen. Ich fühle mich privilegiert, solche Ereignisse miterleben zu dürfen und die gemachten Erfahrungen finde ich ultraspannend. Und: ich bin noch nicht satt…

Eine Szene geht mir aber nicht aus dem Kopf. Ihr erinnert euch bestimmt an die erste Frage meines Mannes kurz nach dem Zieleinlauf: «Und, bist du endlich an deine Grenzen gekommen?» Und meine saloppe Antwort: «Nein, sonst würde ich jetzt nicht da stehen.» Warum kann ich nicht einfach mal zufrieden sein? Warum spürte ich nach dem Marsch keinen Stolz oder keine Ultrafreude? Ich hatte richtig viele tolle Momente während den 50 Kilometern und bin dankbar für jede Begegnung, für jedes kulinarische Angebot, für die vielen Volunteers, für die schöne Strecke und für die spannenden Erfahrungen, die ich machen durfte. Aber im Ziel empfand ich nicht das, was ich mir erhofft hatte, und das ärgert mich - auch ein paar Tage danach noch. Habe ich mein eigenes Motto «Der Weg ist das Ziel» so sehr verinnerlicht, dass der Zieleinlauf nicht relevant war? Oder habe ich den Zieleinlauf so akribisch visualisiert, dass er keine Überraschung mehr für mich war? Oder war mein Fokus falsch ausgerichtet?

Das Thema lässt mir keine Ruhe und so greife ich zu einem Tool, welches ich mit Wettkampfsportlern oft einsetze, um den Wettkampf gewinnbringend analysieren zu können: Die 5A-Analyse. Dies bringt etwas Klarheit, aber noch nicht die gewünschte Erkenntnis. Es ist ja auch schizophren, wenn ich gleichzeitig Klient und Mental Coach bin. Da muss ein Coach mit einer professionellen Aussenperspektive hin und deshalb vereinbare ich bei einem Berufskollegen einen Coaching-Termin.
So sitze ich also für einmal auf der «anderen Seite» und beantworte ganz viele Fragen. Fragen, die zum Teil recht unangenehm sind, mich aber ins Denken bringen. Es ist anstrengend und gleichzeitig auch schön zu merken, dass es vorwärts geht. Ich verzichte darauf, den ganzen Coachingprozess zu schildern. Quintessenz: Mein Sorgenkind sind die Gefühle und es gilt nun, daran zu arbeiten. Ideen und Aufträge dazu sind im Coaching genügend entstanden.

Und mal ganz ehrlich: Seit Google mir ein pfannenfertiges Ziel ausspuckte, nämlich 

MAMMUTMARSCH BERLIN. 100KM IN 24 STUNDEN. ZU FUSS.
schwirren in meinem Kopf die 100 Kilometer herum. Nach Stuttgart weiss ich, «wie das so abgeht» und nach Nürnberg weiss ich, dass die 50km-Strecke noch nicht meine Grenze ist. Auf was warte ich also noch?
Der nächste Schritt ist fällig…


Folge 8: Alles oder nichts: Die Anmeldung zum 100er
Januar 2025

Ist jetzt bzw. in diesem Jahr der richtige Moment, um beim 100er an den Start zu gehen? Oder besser nächstes Jahr? Ach Quatsch, was soll denn bitte nächstes oder übernächstes Jahr anders oder sogar besser sein? Ich will wissen, wo meine Grenzen sind. Ich will das Ding versuchen, also nix wie los, her damit!

Vor der Anmeldung prüfe ich die Daten und stelle mit Schrecken fest, dass der 100er in Berlin bereits Mitte Mai stattfindet. Die Beschreibung des Anlasses tönt super verlockend, vor allem dieser Satz: Und als absolutes Highlight laufen wir gemeinsam durch das Brandenburger Tor und direkt an der Siegessäule vorbei! 

(aus: www.mammutmarsch.de)
Ich rechne kurz zurück und meine Vernunft sagt mir klar und deutlich: No way! Diese Vorbereitungszeit ist definitiv zu kurz. Wenn ich das Ding angehe, dann möchte ich mich auch ernsthaft darauf vorbereiten und dafür reichen vier Monate nicht – nicht in meinem Alter. Und vor allem nicht in der Winterzeit.

Das soll aber kein Grund sein, die 100er nicht zu versuchen. So trenne ich mich also (vorerst) von meiner Lieblingsstadt. Habe ich gerade Lieblingsstadt geschrieben? Ich war noch nie in meinem Leben in Berlin aber diese Stadt fasziniert mich seit meiner Kindheit. Seit ich den Mauerfall im Fernsehen mitverfolgt habe und seit ich im Gymnasium den Roman «Berlin Alexanderplatz» von Alfred Döblin lesen musste (ich weiss von dessen Inhalt rein gar nichts mehr, aber komischerweise kann ich mich immer noch an den Titel erinnern) und eben: seit ich das erste Mal den Berlin Marathon im Fernsehen gesehen habe. Und immer wieder dieses Brandenburger Tor... Egal jetzt, warum ich mal nach Berlin fahren möchte. Es wird auf jeden Fall nicht im kommenden Mai sein.

So sehe ich mir alle 100er auf der Mammut- und Megamarschliste 2025 durch, doch keine Stadt schafft es, mich zu «packen». 

War's das jetzt?

Ich erinnere mich an die Wanderung im September mit Lea, als wir den grossen Mythen bestiegen haben. Da erwähnte sie doch Zürich: In 24 Stunden um den Zürichsee - 100 Kilometer am Stück. Das könnte es sein! Schnell die Vor- und Nachteile abwägen (Heimvorteil, schöne Gegend, kurze Anreise, jederzeit aussteigbar – die S-Bahn fährt mich von jeder Station nach Hause, meist sogar direkt (ist jetzt das ein Vor- oder Nachteil?). Einziger (allerdings grosser) Nachteil: Der Event findet im August statt. Da könnte eine brütende Hitze herrschen. Auch wenn ich einen grossen Respekt vor der möglichen Hitze habe, überwiegen die Vorteile eines Heimevents eindeutig. Ein paar Youtube-Filmchen über Rockandhike der vergangenen Jahre (habe ich da tatsächlich "Ghackets mit Hörnli" gesehen?) und ein paar Google-Recherchen später ist der Fall klar: Da muss ich hin.



Keine 48 Stunden später gibt es kein Zurück mehr. 

Das Ticket ist gebucht.

(Bild 1: www.rockand.ch, Bild 2: Facebook, Gruppe "Rockand")









Folge 9: Zieldefinierung, Zielbild und Zeitplan

Januar 2025

Hut ab vor all den Menschen, welche die 100km-Challenge ohne Vorbereitung geschafft und im Netz gepostet haben. Ich habe mir einige Videos angeschaut und weiss ganz genau: Das ist nichts für mich! Da wäre mein Scheitern schon vorprogrammiert. Und vor allem könnte ich keinen einzigen Kilometer geniessen.

Nun nutze ich mein eigens erschaffenes Theoriemodell zu Leistung und Erfolg*. Besonders der Teilbereich «Von der Vision zum Ziel» ist mir dabei eine grosse Hilfe. Ich nehme mir tatsächlich Zeit, das Modell mit meiner 100km-Idee durchzugehen und jeden Schritt sorgfältig zu durchleuchten. Dieses Mal meldet sich nicht der euch schon bekannte Mr. Zweifel, sondern «der Freak». Der Freak ist der Teil in mir, der spontane Entscheidungen liebt und der sich naiv, gut gelaunt, mutig und ohne gross zu überlegen in Abenteuer stürzt. Zur aktuellen Situation meint der Freak: «Chills mal, fahr abe… Du nimmst nicht an Olympia teil und du bist auch keine Spitzensportlerin also was soll der professionelle Quatsch?» Der Freak hat dieses Mal keine Chance, denn er hat «die Ehrgeizige», «die Sportlerin», «die Kämpferin», «den Streber», «die Entschlossene», «den Dickschädel» oder in einem Wort «den Widder» gegen sich.
Der Freak wird also schnell wieder still und so geht es weiter mit der Vorbereitung. Das offizielle Ziel des Organisators ist schon recht klar formuliert: 100km in 24 Stunden. Die wohl bekannteste Möglichkeit, ein Ziel sinnvoll zu formulieren, ist die SMART-Formel. Ich ziehe die PASST-Methode von Harald Dobmayer vor. So oder so muss das Ziel noch präzisiert werden und so sitze ich mit Stift und Papier an meinen Lieblingsort und formuliere einen für mich passenden Zielsatz. Kurze Zeit später steht gross und klar auf meinem Notizblock:


Am 31. August 2025 laufe ich um 8.30 Uhr** beim Albisgüetli in Zürich 
nach 100km Marsch über die rote Ziellinie.

 


Als Erklärung für alle Deutschen: Das Verb "laufen" bedeutet in der Schweiz "gehen" und nicht "rennen".  

In meinen Coachings zum Thema «Zieldefinierung» erstelle ich an dieser Stelle mit meinen Sportlerinnen und Sportlern, passend zu ihrem Wahrnehmungstyp, eine Konkretisierung, damit der Zielsatz besser transferiert werden kann. Meine stärkste Sinneswahrnehmung ist klar die visuelle und so erstelle ich für mich ein passendes ZielBILD. Nach einer kleinen Bastelrunde entsteht eine Art Collage, welche ich bereits jetzt in und auswendig kenne und «nur» noch mit den passenden Gefühlen bestücken muss.

Das Ende meiner Geschichte ist also klar definiert, formuliert und visuell dargestellt. Nun geht es darum, einen sinnvollen Zeitplan vom heutigen Tag bis zum 30. August zu erstellen. Kennt ihr das Spiel Tetris? Ungefähr so könnt ihr euch diesen Prozess vorstellen. Familientermine, Termine meiner Kids und meines Mannes, Verpflichtungen als Lehrerin und Sport Mental Coach und ein paar offizielle Marschtermine müssen nun in meiner Agenda Platz finden. Und zwar so, dass sie meinem Anspruch von «gefordert, aber nicht überfordert» gerecht werden.

Als Vorbereitung auf den 100er werde ich wie bis anhin an den Wochenenden einen Mini- bis Midi-Marsch einplanen und jede Gelegenheit nutzen, den Hin- oder Rückweg von Terminen zu Fuss zurückzulegen (Geburtstagsbrunch, Wettkampftermine meiner Teenies, Weiterbildungstag usw.). Und drei offizielle Märsche habe ich auch gebucht:
März: 55km Mammutmarsch in München
Mai:   55km Mammutmarsch in Nürnberg
Juni:  60km Mammutmarsch in Mannheim

In den Berichten über die drei Märsche werdet ihr «alt bekannte» Personen wieder treffen – ich freue mich jetzt schon darauf, mit dem einen oder anderen wieder ein paar Kilometer zu wandern und zu quatschen.

Mein Vorhaben wird immer konkreter und ich freue mich bereits jetzt auf das Abenteuer «zu Fuss um den Zürichsee» Ende August 2025. Es kann mich nichts mehr aufhalten. Oder doch?

*Dieses ist das Kernstück meiner Diplomarbeit, welche ich für die Zulassung zur Prüfung für den eidgenössischen Fachausweis geschrieben habe.
** Die Zeit habe ich angepasst, als ich die def. Startzeit (Samstag, 30.8. um 8.30 Uhr) erhalten habe. 



Folge 10: Endgegner ausschalten
Februar 2025

Um die 100 Kilometer schaffen zu können, benötige ich eine 100%ige Leistung. Alle jetzt schon bekannten oder möglichen Störfaktoren möchte ich deshalb ausschalten, bevor sie sich als Spielverderber melden. So werde ich noch etwas «spatzig»* haben für Unvorhergesehenes und kann den Marsch hoffentlich mit mehr Freude und Genuss erleben. Ich halte mich dabei ganz an die einfache Formel:
Potenzial minus Störfaktoren gleich Leistung
Das Wort «Störfaktoren» tönt in meinen Ohren gerade etwas zu mild, oder wie wir Schweizer sagen zu «herzig». Immerhin besitzen die Störfaktoren die Fähigkeit, mein Vorhaben zu beenden, zu tilgen, zu zerstören. Also nenne ich diese Fieslinge lieber «E-N-D-G-E-G-N-E-R». Spürt ihr es auch? Ein leicht aggressives, aber hypermotiviertes Gefühl, gegen sie vorzugehen, sie zu bekämpfen… («Yeahh» der Wettkampftyp in mir ist gerade erwacht und voller Tatendrang). Die Macht der Sprache verstehen und für sich gewinnbringend einsetzen, das ist ein supernützliches und effektives Tool (und als Sport Mental Coach unglaublich spannend, es anzuleiten).

Dazu muss ich euch kurz eine Erfahrung aus meinen Coachings erzählen: Es geht um einen Leichtathleten (Sprinter), welcher sich ebenfalls mit den möglichen Störfaktoren und deren «Bewältigung» beschäftigt hat. Er definierte u.a. die vielen Zuschauer, die Medien, das helle/grelle Stadion und die zum Teil arroganten Kontrahenten als Störfaktoren. Zu Beginn des Coachings fühlte er sich ihnen ausgeliefert und unter Druck gesetzt. Wir arbeiteten drei oder vier Sitzungen an diesem Thema und am Ende beschrieb er seine neue Sichtweise auf die Situation mit einer typischen Szene aus «Asterix und Obelix». Er freue sich darauf, seine Störfaktoren ernst zu nehmen und sie «aus dem Weg zu räumen». So, wie Obelix die Römer aus dem Weg räume. Als Metapher wählte er das nebenstehende Bild - Die Macht der Bilder.


Nun aber zurück zu meinen möglichen Endgegnern. Ich habe noch gut ein halbes Jahr Zeit, um mögliche Endgegner auszuschalten, also beginne ich doch mal zu überlegen, welche das sein könnten und wie ich gegen sie vorgehe:


Verletzungen

Mein Endgegner Nummer 1 werden mögliche Verletzungen im Vorfeld sein. Nun heisst es: Risiko raus und «Grind» einschalten. Das hört der Freak in mir gar nicht gerne. Besonders hart war dies während den Skiferien. Besonders dann, wenn mich meine Teenies herausforderten. Aber ich konnte allen Versuchungen widerstehen. Ich habe diese Schneesaison alle Skirennen, die Halfpipe, den Funpark und sogar die Speedmessung ausgelassen. Ich werde noch einige tolle Sportevents bis im Sommer besuchen, unter anderem auch Faustballmeisterschaften. Bestreite ich alles mit 80% (anstatt 110% wie sonst), sollte ich theoretsich verletzungsfrei bleiben.


Dunkelheit

Meine Stirnlampe sollte von der Kraft her reichen. Ich muss nur noch testen, wie viele Stunden sie bei mittlerer Leuchtkraft durchhält. Kabel und Powerbank sind auf jeden Fall schon mal auf der Packliste. Und damit Heimweh, Einsamkeit, Selbstmitleid und Co. auch in der Nacht schweigend bleiben, werde ich, wenn möglich, Gesellschaft suchen. Wie gesellig die Menschen (inkl. mir) nach über 50 Kilometer Marsch noch sind, werde ich erst merken, wenn es so weit ist. Und solange ich nicht das Gegenteil spüre, bleibe ich beim Plan «gemeinsam gehen wir weiter».

Navigieren

Tagsüber wird das kein Problem sein, denn es werden genügend Mitverrückte auf der Strecke sein. Ich hoffe, dann das Navigieren weglassen und einfach den anderen hinterherlatschen zu können. Die offizielle Route werde ich aber sowieso vorher auf meine Wanderapp laden und im Hintergrund laufen lassen, so kann ich, falls nötig, mal einen Blick drauf werfen. Ich werde mich bemühen, nicht allein in die Nacht hineinzulaufen, damit ich mit der Navigation nicht auf mich allein gestellt bin.

Blasen

Blasenpflaster und Tapes sind im Rucksack und ein paar Kilogramm Vaseline sind bis dann auch aufgebraucht und somit gehen meine Füsse optimal vorgeschmiert und hornhautfrei an den Start. Und auch für die Vorbeugung gegen allerlei Tierleiden (Wolf, Bär,… - siehe Folge 6) habe ich eine Idee (das Vertexten dieser Methoden erspare ich euch).

Hitze

Dagegen hilft sicher, genügend zu trinken und eine sinnvolle Kopfbedeckung zu tragen (ev. Nackentuch an Strohhut nähen?). Da muss ich mir definitiv noch einige Gedanken dazu machen. Völlig behämmert möchte ich ja auch nicht aussehen, aber nützlich sollte es schon sein.

Regen

Ich hasse Wasser! Egal, von welcher Seite her es kommt. Der Regen anerkenne ich deshalb als einer meiner schwierigsten Gegner. Aber du wirst mir keinen Strich durch die Rechnung machen, du nasses Ding. Wasserdichte Laufschuhe im Sommer? No way! Da sind schweissbedingte Blasen vorprogrammiert. Also doch die leichten Sommer-Laufschuhe und Gamaschen, die über die Vorderfüsse gezogen werden können. Und oben? Regenjacke oder Pelerine über alles drüber? Da muss ich noch experimentieren bis August…

Langeweile

Jasskarten sind wohl fehl am Platz. Und der auditive Typ bin ich überhaupt nicht. Ich werde mir trotzdem ein paar Podcasts herunterladen und eine Marschplaylist mit einigen guten Songs zusammenstellen - sicher ist sicher. Ich werde mit Lea starten, auf den ersten Kilometern ist also für gute Unterhaltung gesorgt… Und danach hoffe ich, gute Menschen zu treffen und spannende Lebensgeschichten zu erfahren. Und wenn unser Tempo passt, dann sind wir vielleicht gaaaaanz lange gemeinsam unterwegs... 

Krisen

Die kommen bestimmt! Vielleicht werde ich ein paar nette Freunde bitten, telefonisch erreichbar zu sein, um im Krisenfall etwas Ablenkung zu erhalten. Was mir bestimmt immer hilft ist, mich auf den nächsten VP zu freuen. Wer weiss, vielleicht gibt es auch am Zürichsee so was ultrafeines wie eine Linsensuppe oder Milchbrötchen…

Und ein paar mantraähnliche Sätze werden mir bestimmt einfallen. Und wenn nicht, dann bestimmt das Esel-Lied von Andrew Bond. Neiiiiiiin, und schon ist es wieder im Schädel und geht nicht mehr raus...

Müdigkeit

Kaffee helfe, melden erfahrene 100er-Märschler. Ich mag keinen Kaffee und auch sonst nichts, was künstlich wachhält. Und sowieso habe ich eine Abneigung gegen sämtliche Substanzen, welche mich in irgendeiner Weise manipulieren könnten, das beginnt schon bei Red Bull. Also hilft nur eins: Viel vorschlafen und eine Nacht durchmachen. Und NICHT der Versuchung nachgeben und irgendwo ein kurzes Nickerchen machen. Nein, nein, nein, das kommt nicht gut und schreibe ich mir dick hinter die Ohren. (Hoffentlich erinnere ich mich dann auch daran…)

Hunger

Bis zum 100er werde ich total fünf offizielle Märsche hinter mir haben und das sollte reichen, um genügend Erfahrungen zu sammeln, wie mein optimales Buffet bestückt werden soll. Die grösseren Verpflegungen werde ich an den VPs einnehmen und die kleineren Snacks selbst mittragen. Hinzu kommen Kaltteebeutel, Elektrolytenpulver und ein paar Anti-Krisenprügeli (erhalte ich die gesponsort, wenn ich mein Lieblingsgestell hier veröffentliche?)

Schmerzen

Wenn eines sicher passieren wird, dann sind das die auftretenden Schmerzen. Ich kann euch zum jetzigen Zeitpunkt aber nicht sagen, wo diese sich bemerkbar machen werden. Die Schmerzkreativität** meines Körpers hat mich ja schon bei meinem ersten 50er überrascht. Vielleicht hätte ich im Geburtsvorbereitungskurs besser aufpassen sollen, dann wüsste ich, wie man Schmerzen weg atmet (nicht lächerlich gemeint, war nur gerade so ein Gedanke). Bei den Mammutmärschen soll bei Kilometer 80 der Spruch stehen: «Irgendwann tut es nicht mehr mehr weh.» Ich muss also mindestens die 80 schaffen, dann wird es nicht mehr schlimmer. Das will ich wissen! Also los geht’s zur 80. Und dann noch ein Mammutherden-Spruch: «Ein Mammutmarsch ist zu 90% mental. Der Rest ist Kopfsache.» Also genau mein Ding! Wie es wirklich wird, bleibt bis August noch ein Geheimnis. Ich bin gespannt…

Und ganz ehrlich: Ich freue mich auf dieses Mental-Game gegen mich selbst.

Nun heisst es aber: Fokus weg von Zürich und hin nach München. In ein paar Tagen werde ich beim Mammutmarsch in München*** am Start stehen und die 55km-Strecke angreifen.

* Ich liebe diesen Schweizer Ausdruck! Er bedeutet so viel wie «Luft» oder «Kapazität».
** Cooles Wort, nicht? Das sollte unbedingt im Duden aufgenommen werden!
*** Erneut eine fremde Stadt = genügend Ovo-Produkte werden eingepackt!



Folge 11: Mammutmarsch München, 55km. Da sind sie: Meine Grenzen!
März 2025


Gespannt lese ich seit Tagen die Wettervoraussichten fürs München-Weekend. Diese prognostizieren je nach App «Schneeregen», «Windböen» oder «stark bewölkt mit Regen». Bei der Temperatur sind sie sich einiger: 0-3°C. Das kann ja heiter werden… Ein Anti-Regen-Mantra habe ich mir übrigens auch herausgesucht: Regen ist flüssiger Sonnenschein.


Voll bepackt (inkl. Winterjacke!) und mit ebenso viel Respekt vor dem Wetter mache ich mich am Freitagnachmittag mit dem Zug auf nach München. In der Bayrischen Hauptstadt angekommen streiten sich gerade zwei Stimmen in mir. Zusammenfassung des Kampfes: «Ich klein, Stadt gross, Wetter kalt und nass, S-Bahn zum Hotel: Ausfall. ICH WILL NACH HAUSE!» gegen «Neue Herausforderung, neue Strecke, neuer Rekord und nächste Kilometerstempel in Sicht, Vorfreude auf neue Begegnungen und kulinarische Highlights an den Verpflegungsposten: AUF GEHT’S!». Wie ich die negative Energie nutzen und die positiven Gedanken verstärken kann, weiss ich als Mental Coach bestens, deshalb geht meine Reise dann auch auf (indirektem) Weg zum Starnberger See in die Unterkunft und nicht zurück nach Zürich. Die erste (klitzekleine) Hürde ist also geschafft. Die Zeit bis zur Ankunft meiner Streckengefährtin Lea nutze ich damit, meinen Rucksack feinsäuberlich zu packen, die Strecke auf der Navigationsapp zu aktualisieren und mir die Kilometerangaben der Verpflegungspunkte einzuprägen. Und dann heisst es: Ab ins Bett.

Nach einer kurzen Nacht klingelt um 5 Uhr der Wecker. Als Anti-Morgenmensch drehe ich mich noch einmal um, ziehe mir die Decke über den Kopf und steige erst beim zweiten Weckruf aus dem Bett. Dann geht alles ruckzuck: Alle vorhandenen Kleiderschichten und Wanderrucksack werden montiert und nach einer kurzen Strecke zu Fuss fährt uns ein Mammut-Shuttlebus direkt zum Startbereich. Starterbändchen abholen, obligatorisches Starterfoto knipsen, wasserdichte Gamaschen und Pelerine überziehen und ab in den Startkanal in unsere Startergruppe. Pünktlich um 7.20h wird 3x «MAMMUT» (Speaker schreit) – «MARSCH» (200 verrückte Mammuts schreien) verkündet und dann setzten wir die ersten Schritte auf die 55km lange Marschstrecke.

Aktueller Stand: Sozialer Akku: 100%, Mentaler Akku: 95% (Regenwetter), Körperlicher Akku: 100%, Boombox: 100%, Blasenpflaster: 1

Bis zur ersten Verpflegungsstation sind es nur 7.7 Kilometer. Es regnet bei 2°C Kälte und mein zurechtgelegtes Mantra zeigt keinerlei Wirkung – also weg damit. Die wunderschöne Strecke am Starnberger See entlang ist eine akzeptable Entschädigung für das aktuelle Wetter und die Laune ist trotz Sauwetter gut. Das Bild, welches sich zeigt, ist irgendwie witzig: hunderte von Mammuts wandern in farbigen Regen-Umhängen dem Ufer entlang – Schulreise im Grossformat.
Wind und Regen geschuldet lädt der erste Verpflegungsposten nicht zum Verweilen ein und so bleiben wir hier auch nicht länger als nötig. Wir spüren, wie schnell sich der Körper abkühlt - schon nach einigen Minuten Anstehen beim ToiToi und für die Zwischenverpflegung. Also schnell wieder los auf die Route.
Aktueller Akkustand: Alle Bereiche top.

Bis zum nächsten VP sind es 20 Kilometer. Der Regen wechselt sich mit Schneeregen ab, auch Windböen setzen immer wieder ein (damit alle Wetterapps Recht behalten, kommen wir in den Genuss der Prognosen aller Apps - teils sogar gleichzeitig). Der Weg verläuft teilweise durch Matsch. Die äusseren Begebenheiten sind hart. Auch wenn Gamaschen, Winterjacke und Pelerine bekloppt aussehen: Dank diesen Zusatztools bin ich nach wie vor trocken und habe warm.  Meiner inneren mentalen Verfassung ist es wohl etwas zu langweilig und so denkt sie sich die ersten Krisenattacken aus. Diese sind mit Hilfsmittel wie Musik (noch reicht die Hochzeitsplaylist) und Ovoschoggitäfeli relativ flott zu bändigen und dauern somit jeweils kaum länger als ein bis zwei Kilometer. Um mich zu schlagen müssen sie schon kräftiger angreifen. Ein bisschen mentalen Akku haben sie verbraucht, aber noch ist der Akkustand gut. Auch die körperliche Verfassung ist nach wie vor gut, nur die vom letzten Meisterschaftstag noch etwas angeschlagene Wade zwickt etwas.

Nach fünf Stunden Dauerregen hört es kurz vor VP2 endlich auf zu regnen! Diese positive Änderung nutze ich, um die Socken zu wechseln und die eine drückende Stelle mit Blasenpflaster abzudecken. Pipipause, Motivationsbanane schnappen (Danke Volunteers, ihr seid so unglaublich wertvoll!!!) und noch etwas Gemüsebrühe auf den Weg und schwupp, schon sind wir wieder unterwegs. Die Füsse fühlen sich nicht mehr ganz so wohl in den Schuhen, aber noch immer ist der Allgemeinzustand gut.
Aktueller Stand: Sozialer Akku: 90%, Mentaler Akku: 85%, Körperlicher Akku: 80%, Boombox: 90%, Blasenpflaster: 2

Nun kommen meine rationalen, mathematischen Fähigkeiten ins Spiel: so gut wie die Hälfte der Strecke ist geschafft und alle meine Akkus sind noch weit über 50%. Fazit: Das reicht bis ins Ziel, sogar dann, wenn die zweite Streckenhälfte doppelt so viel verbrauchen würde wie bis hierher.

Mit etwas schweren Füssen, aber guten Mutes (Zieleinmarsch ist ja schliesslich mathematisch bewiesen) geht es auf den Streckenabschnitt Nummer drei.
Auch dieser ist wunderschön gewählt. Die Landschaft ist definitiv ein grosser Motivator (Danke an die Organisatoren!). Neben Lea (die gerne schneller unterwegs wäre und mich daher nicht immer nur positiv beeinflusst) ist auch die Musik ein enorm wichtiger Faktor meines heutigen Marsches. Nachdem wir verschiedene Playlists ausprobiert haben, sind wir uns einig: Die Musik der Stubete Gäng ist der einzig wahre Game-Changer unserer heutigen Reise zwischen Start und Ziel. Das finden übrigens auch ganz viele andere Mammuts und so haben wir immer wieder ein Grüppchen Mithörende bei uns. Und alle, die sich gestört haben daran: Sorry!

Die 10 Kilometer bis zum nächsten Highlight gehen dann mit abwechselnden Krisen- und Nicht-Krisen-Phasen auch recht flott vorbei und so kommen wir nach einem kurzen Anstieg beim Kloster Andechs an – 37km sind geschafft. Zwar ist dieser schöne Ort für gutes Bier bekannt, aber weder das Wetter noch der Grund, warum wir hier sind, laden für ein Mass Bier ein. Dem Wind geschuldet ist es eisig kalt hier oben und so verlassen wir auch diesen VP so schnell als möglich wieder.
Aktueller Stand: Sozialer Akku: 85%, Mentaler Akku: 75%, Körperlicher Akku: 50%, Boombox: 75%, Blasenpflaster: 3

Es geht also weiter in Richtung Ziel. Und plötzlich holt mich der Moment ein, von dem ich schon so oft gehört habe und kaum glauben konnte, dass es ihn gibt. Der Hammer-Mann ist da! Irgendwo zwischen Kilometer 40 und 45 bleiben meine Erinnerung stehen – ich bin also im Elend angekommen. Ich versuche euch zu beschreiben, wie es mir geht: Meine Füsse schmerzen schrecklich. Es sind nicht die Reibungspunkte, auch keine Blasen. Es fühlt sich gerade so an, als ob alle Knochen in meinen Füssen gebrochen sind und ich weiss kaum, wie ich in diesem Zustand auf die Füsse stehen soll. Der körperliche Akku schwindet vom einen auf den anderen Moment von 50 auf 5 Prozent. Nicht linear, sondern in einem unaufhaltbaren Fall. Da mein mentaler Akku etwas weniger schnell sinkt, bin ich gerade noch fähig, mir einen Handlungsauftrag zu erteilen: «Einen Fuss vor den anderen». Und dann kommt noch eine coole Nachricht einer Freundin aufs Handy (siehe Bild): Das zaubert mir ein Lächeln auf meine Lippen und treibt mich noch einmal an. 

Von den nächsten 10 Kilometern weiss ich praktisch nichts mehr. Ich wechsle husch die Zeitform, da ich die nächsten Sätze nur mit Hilfe von Leas Erinnerungen schaffe:
Es habe noch einen VP gegeben (ach ja, ich kann mich an einen Hotdog im Toasbrot erinnern, aber das ist alles). Und ich habe mich irgendwo noch hingesetzt und ein weiteres Blasenpflaster montiert. Ausserdem habe ich ein paar lebensändernde Aussagen gemacht:

1. Ich werde nie wieder an einem Marsch über 30 Kilometer teilnehmen.
2. Mein altes Leben endet 2025. In meinem neuen Leben (Start 2026) werde ich nur noch Wellness-Weekends buchen – mein Mann wird sich freuen!
3. Den gebuchten Marsch in Zürich (100km) werde ich in eine Volunteerschicht umtauschen.

Aktueller Stand: Sozialer Akku: 30%, Mentaler Akku: 30%, Körperlicher Akku: -10%, Boombox: 50%, Blasenpflaster: 4

Meine Erinnerungen setzten ungefähr drei Kilometer vor Schluss wieder ein. Es sind drei unglaublich lange Kilometer dem Starnberger See entlang. Wir marschieren mit Stirnlampe im Dunkeln. Ich feiere gerade meine reflektierenden Schuhbändel und Dank den Liedern der Stubete Gäng (die Playlist «Alle Lieder der Stubete Gäng» läuft zum dritten oder vierten Mal durch) tummelt sich eine kleine Gruppe zielstrebiger Mammuts um uns. Ich glaube nicht, dass die Deutschen den Text wirklich verstehen, aber irgendwie brummt jeder etwas mit und lässt sich ziehen. Noch zwei Kurven und dazwischen ein kurzer Aufstieg. 

Es läuft das Lied «zwei linggi Bei» und ich singe in voller Lautstärke mit

«Ich han zwei müedi Bei – ei ei ei ei – du häsch zwei müedi Bei – ei ei ei ei

(Originaltext: Ich han zwei linggi Bei - ei ei ei ei - du häsch zwei linggi Bei - ei ei ei ei)
doch hüt gömmer go laufe, und mir laufed mitenand is Zie-i-i-i-iel.

(Originaltext: Doch hüt gömmer go tanze, alles anderi isch einerleieiei)
Ich han zwei müedi Bei – ei ei ei ei – du häsch zwei müedi Bei – ei ei ei ei

(Originaltext: Ich han zwei linggi Bei - ei ei ei ei - du häsch zwei linggi Bei - ei ei ei ei)
und wämmer nüm möged laufe, träg i di uf em Buggel is Ziel.

(Originaltext: Und wämmer nüm möged tanze, träg i di uf em Buggel heieieieiei.)


Lea und ich hatten eigentlich vor, ins Ziel zu joggen und auf einmal bin ich auch wieder in der Lage dazu. Doch etwas hält mich 20 Meter vor dem Ziel auf: Ein liebevoll bemaltes Stoffstück mit «Hopp Schwiiz». Ich muss stehen bleiben und das Plakat fotografieren. Und jetzt lohnt es sich ja auch nicht mehr zum Sprint anzusetzen. Ich sehe den Zielbogen und die gelben Volunteers mit ihren gelben Pompons in der Hand und höre den Applaus und die Pfeifen. Ich kann die Tränen nicht mehr zurückhalten und freue mich unglaublich, das Ziel erreicht zu haben! 


So fühlt es sich also an! 

Das ist das Gefühl, das ich mir schon so lange gewünscht habe. 

Das Gefühl, das ich nur aus Schilderungen kenne. 

Ich habe so gelitten und es trotzdem geschafft und ich kann zum ersten Mal in meinem Leben mit Überzeugung sagen:

ICH BIN STOLZ AUF MICH und ES FÜHLT SICH GROSSARTIG AN!





Folge 12: 1 Tag danach
März 2025
Meine Aussagen 1-3 ziehe ich zurück.



Folge 13: Eure Fragen

Gerne (gerne? naja, also einige Fragen bringen mich schon ganz übel ins Grübeln) beantworte ich an dieser Stelle ein paar eurer Fragen.


Was machst du nun mit diesem guten Gefühl des Zieleilaufes? Es vergeht ja leider wieder. Es wäre super, wenn man es konservieren könnte.
Gefühlszustände können tatsächlich gespeichert werden. Meist geschieht dies unbewusst und erscheint dann auch recht überraschend wieder. Zum Beispiel erinnert dich ein Geruch an deine letzten Ferien oder eine Musik versetzt dich in die Situation deines ersten Dates. Dieser Konditionierungsvorgang kann auch bewusst genutzt werden. Die mentale Technik dazu nennt sich «ankern» und ist ein Tool, das im Coaching sehr häufig genutzt wird. Dabei wird eine Verknüpfung von einem Reiz (in meinem Fall das Berühren der Medaille) mit einer Reaktion (gewolltes Gefühl: Stolz und Zufriedenheit) verknüpft, damit der gewünschte Zustand jederzeit abrufbar ist. Dieser Prozess wird auch konditionierte Reaktion genannt. Mit ein bisschen Übung gelingt dies recht schnell.

In einer vorherigen Folge hast du geschrieben, dass du Wasser nicht ausstehen kannst. In München hat es geregnet und das nicht wenig. Du hast gar nicht geschrieben, wie fest dich das gestresst hat. War es sehr schlimm für dich?
Du bist sehr aufmerksam. Stimmt, das habe ich nicht beschrieben. Und es hat mich tatsächlich gar nicht so fest gestört, wie ich angenommen hatte. Im Gegenteil: Dank meiner guten Anti-Regen-Ausrüstung (allein am Kopf hatte ich vier Schichten) blieb ich von Anfang bis Ende trocken und hatte auch immer warm genug (ausgenommen bei den Stopps an den Verpflegungsstationen).  «Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung» - Diesen Spruch kennen wir alle, sitzen dann aber doch lieber auf der warmen Couch in der trockenen Stube…, oder? In München konnte ich nicht anders und musste mich dem Wetter stellen und ich bin froh darüber. Denn die warme Dusche danach fühlt sich einfach unbeschreiblich an… (Ja, sogar das Wasser aus der Dusche habe ich genossen! Das erste Mal in meinem Leben 😊) und somit verliert der Faktor «Regen» seine Position auf der Liste der möglichen Endgegnern und rutscht auf die Liste «unangenehme Gegner» ab.

Was hat dich daran gehindert abzubrechen?
Diese Frage musste ich tatsächlich einige Male lesen, bis mir eine Antwort einfiel. Zuerst habe ich mich gefragt: «Stimmt, warum habe ich nicht aufgehört? Oder nicht mal daran gedacht?» Erst während ich die Frage mit meinem Mann diskutierte, kam mir die Erkenntnis und die Antwort ist sehr simpel:
Die Option «aufgeben» oder «abbrechen» hatte ich gar nicht zur Verfügung. Weder in der Vorbereitung noch während dem Marsch hatte ich diese Option bereit. Und was theoretisch (also im Kopf) nicht vorhanden ist, kann auch nicht genutzt werden.

Es ist genau so simpel wie folgender Sachverhalt: «Wenn du kein Geld hast, kannst du nichts kaufen.»

Aus zuverlässiger Quelle :-) habe ich gehört, dass du während den Märschen deinen Liebsten Audios schickst. Ich würde zu gerne da mal reinhören... Kannst du mal eines posten?
Eigentlich habe ich gehofft, dass diese Frage nicht kommt… Meine Audios sind ultrapeinlich. Natürlich sind sie dies für mich nicht, während ich sie aufnehme. Aber wenn ich sie mir Tage danach, entspannt auf dem Sofa liegend, anhöre, dann schüttle ich nur den Kopf und (zugegebenermassen) amüsiere ich mich auch darüber.
Ich entschuldige mich für die Wortwahl, die unüberlegten Sätze und die Wirrheit meiner Nachrichten - dafür sind sie 100% real und authentisch.
Hier ein kleiner Einblick bzw. Reinhörer:


Kilometer 14 - da ging es mir noch gut

München_14.opus (132.66KB)
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Kilometer 27 - alles gut

München_27.opus (151.26KB)
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Kilometer 39 - Die Krise beginnt

München_39.opus (59.62KB)
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Folge 14: Dem Hammermann auf der Spur

März 2025
Erfolg ist etwas, das erfolgt (ist also eine logische Konsequenz unserer Handlungen) und hat absolut nichts mit Wettkampfglück zu tun. Umgekehrt bin ich genauso davon überzeugt, dass nicht befriedigende Leistungen einen Grund haben, wir also die Verantwortung dafür tragen. Vielleicht tönt das für den einen oder anderen im ersten Moment beängstigend (das erlebe ich in den Coachings oft). Wenn man sich aber mit dieser Grundhaltung beschäftigt und erkennt, dass man dadurch Veränderungen ermöglicht und die Macht über seine Handlungen erhält (und dadurch auch über seine Leistung und den Erfolg), wird man von der «Spielfigur» zum «Spielgestalter».
Wer sich mit diesem Thema intensiver beschäftigen will, dem empfehle ich das Buch «Spielregeln für Gewinner – Mit 25 einfachen Gesetzen zur persönlichen Höchstleistung» von Steffen Kirchner (dazu habe ich vor einiger Zeit eine Buchrezession geschrieben, welche ihr hier findet: Link). 

Zurück zum Thema: In München ging es mir auf den letzten 13 Kilometern richtig mies und das muss einen Grund haben. Meine Schnellanalyse kurz nach dem Marsch: Der Hammermann hat zugeschlagen! Dieses Phänomen kommt aus dem Ausdauersport und beschreibt den Zustand des plötzlichen Leistungseinbruches infolge Kohlenhydratmangels, also einem zu tiefen Glucosespiegel, welcher unter anderem ein Schweregefühl in den Beinen und Gelenkschmerzen verursacht. Dieser Begriff kam mir gerade recht, denn so hatte ich einen Grund für meinen Zustand.


Nun, eine Woche nach dem Marsch muss ich ehrlich zugeben: Ich bin mir nicht mehr sicher, ob es wirklich der Hammermann war, der mich besucht hat. (Und so nebenbei: In der Zwischenzeit habe ich den Satz umgekehrt und wahr gemacht, damit ich sagen kann: «ICH habe den Hammermann besucht» – siehe Bild. Von diesen Metallkunstwerken gibt es übrigens nur ein paar auf der ganzen Welt, drei in Europa und einer davon steht tatsächlich nur eine Zugstunde entfernt von mir, in Basel).



Und auch falls es in München doch der Hammermann (also die Umstellung des Körpers vom Kohlenhydratspeicher zur Fettreserve mit seinen Nebenwirkungen) oder einer seiner Brüder war, dann gibt es Möglichkeiten, ihm zu entkommen. Hammermann hin oder her, notiere ich alle Faktoren, welche für den Schmerz und die Ermüdung in den Füssen verantwortlich gewesen sein könnten und überlege mir auch gleich, wie ich diese Faktoren optimieren oder eliminieren kann. Und jaaaaa, auch die 100% selbstverschuldeten und banalen Punkte wie «zu wenig getrunken» und «keine sitzenden Pausen» kommen auf die Liste. Und sollte der Hammermann (nun meine ich den psychischen, nicht den physischen) doch eine Rolle gespielt haben, dann habe ich ihm nun mittels Perspektivenwechsel die Macht genommen (siehe Foto). Selbstverständlich ist dieses mentale Tool viel umfassender und aufwendiger in der Ausführung und benötigt eine strukturierte Anleitung. Das Foto dient sozusagen als Zusammenfassung dieser effektiven Methode.  


Die Konsequenzen meiner analytischen Überlegungen sind: Neue Einlagen (mehr Dämpfung, dafür weniger Stützfunktion - ausprobieren schadet nichts. Der Verkäufer meinte zu meinen bisherigen Einlagen voller Mitleid: «Mit diesen Betoneinlagen sind Sie 55 Kilometer marschiert?»), alle 15km Elektrolytenpulver (hat sich in Nürnberg bewährt), mehr trinken (auch wenn das Getränk in der Flasche halb zugefroren ist), zur Not noch einen Powergel einpacken (Kohlenhydrate im Astronautenlook) und die Waden-/Fusskräftigungsübungen der holländischen Physioikone ergänzend zu den Hüftübungen einbauen (danke Sandra, ich hatte in München üüüüberhaupt keine Schmerzen in der Hüfte!). Einen Begriff möchte ich eigentlich gar nicht notieren, wäre aber ehrlicherweise schon zu erwähnen: Mehr Training! Beziehungsweise: Weniger Trainingsunterbrüche. Und damit ich auch keine Woche auslasse, dürft ihr euch gerne bei mir melden, wenn ihr mal mitkommen möchtet – es muss ja nicht gerade einen 50er sein – die neuen Einlagen kann ich auch um den Greifensee testen oder bei euch im Garten ums Biotop…


Folge 15: Es braucht Experten für die Analyse - hier sind sie:
April 2025

Nicht, dass ihr meint, dass ich es extrem nötig finde, alles zu analysieren. Ich weiss ja selbst, dass es sich nur um ein Hobby und «nur» ums Marschieren handelt und nicht um eine Olympiaqualifikation. Ich finde es einfach unheimlich spannend mehr darüber zu erfahren, wie Körper und Hirn funktionieren und zu was sie fähig sind und welche Voraussetzungen dazu vorhanden sein müssen. Deshalb gehe ich dem «München-Phänomen» noch weiter nach. Alle unbeantworteten Fragen stelle ich Expertinnen und Experten verschiedener Fachbereiche und erhalte viele eindrückliche Antworten, welche ich euch nicht vorenthalten möchte. Die Antworten habe ich in den meisten Fällen mündlich erhalten und nicht aufgezeichnet. Ich versuche, diese so fachgerecht wie möglich wiederzugeben.

Mein Mann hat die ganze Diskussion ins Rollen gebracht. Er ist der Meinung, dass ich in München gar keine realen Schmerzen gehabt habe, mir diese aber vom Gehirn so echt vorgegaukelt wurden, um einen Abbruch zu erzwingen. Anders kann er sich nicht erklären, dass meine Schmerzen in den Füssen am nächsten Tag verschwunden waren.

Ist es theoretisch möglich, dass ich körperlich nichts hatte und der ganze Schmerz psychisch vorgegaukelt wurde?
Diese Frage darf ich einer Schmerz- und Psychotherapeutin stellen. Das Wort «vorgegaukelt» verneint sie sofort und erklärt mir, dass Schmerzen immer real und spürbar seien, diese jedoch somatisch (körperlich) oder psychosomatisch (auf psychisch-körperlichen Wechselwirkungen beruhend) ausgelöst werden können. In der Symptomatik seien kaum Unterschiede festzustellen und deshalb seien die Schmerzen in beiden Fällen gleich belastend. Was sie ebenfalls erwähnt, ist der interessante und völlig einleuchtende Punkt, dass Schmerzen Sinn machen. Sie seien eine Botschaft in Form eines akuten Signals.
Ich erzähle ihr von der Theorie meines Mannes und sie meint dazu, dass sie vermute, dass das Gegenteil eingetroffen sei: Mein Kopf habe so bedingungslos das Ziel verfolgt und deshalb das Warnsignal Schmerz ignoriert. Dadurch entstehe eine Art Trauma. Und so könne sie sich auch mein Blackout erklären: Einer der möglichen Schutzmechanismen unseres Kopfes, um mit einem Trauma umzugehen, sei das Blackout.
In meinen Worten zusammengefasst würde das bedeuten, dass mein Kopf sich über den Körper (Schmerz) hinweggesetzt, dadurch ein Trauma ausgelöst und dies wiederum mit einem Blackout «gelöscht» hat.

Nach diesem interessanten Gespräch will ich den somatischen Weg weiterverfolgen - er macht für mich Sinn. Was in meinem Körper hat den Ausschlag gegeben für die Schmerzen? Waren die Schmerzen im Fuss vom Fuss ausgelöste Schmerzen (war es wirklich so banal, wie dieser Satz klingt?) oder war es doch der Hammermann? (Ja, ich gebe zu, dass mich dieser imposante Hüne noch nicht ganz los lässt)
Ich muss es wissen! Wissen ist Macht! UND ICH WILL DIE MACHT ÜBER MEINEN KÖRPER ZURÜCKEROBERN UND GESTÄRKT IN DEN NÄCHSTEN KAMPF ZIEHEN. Äh sorry, jetzt drifte ich etwas ab. Ich meine natürlich: Ich möchte wissen, woher die Schmerzen kamen, die Ursache beheben und so am nächsten Marsch bequemer herumstiefeln können.

So oder so: Die Nachforschungen ziehen mich in den Bann und meine nächste Frage darf ich einer diplomierten Podologin stellen.
Was sind mögliche Ursachen von Mittelfuss-Schmerzen bei langen Märschen?
Sie betrachtet zuerst meine Schuhe – diese bestehen den Eignungstest. Uff, Glück gehabt, so bleibt mir eine erneute Investition in neue Laufschuhe erspart.
Und dann inspiziert sie das Herzstück ihrer marschsüchtigen, wissensbegierigen Kundin: Die Füsse. Ihre fachkundigen Augen diagnostizieren auf den ersten Blick einen Spreiz-Senk-Fuss – was immer das heissen mag. Zudem bestätigt sie, dass ein derartiger Schmerz durch eine Überbelastung möglich sei. Somit sind zwei mögliche Ursachen definiert (Fehlstellung, Überbelastung) und meine Frage beantwortet. Und danach geniesse ich zum ersten (und nicht letzten) Mal in meinem Leben eine Behandlung bei einer Podologin.

In welche Richtung mich meine nächsten Ermittlungen führen, ist ja sicherlich klar: Der Spreiz-Senk-Fuss muss erkundet werden. Google hat dazu folgende Erklärung bereit:
«Am häufigsten äußert sich ein Spreizfuß durch belastungsabhängige Schmerzen. Sie treten besonders beim Gehen und Stehen auf. In Ruhe lassen sie wieder nach.» (Google, April 2025)
Ist jetzt sicherlich nicht die differenzierteste Antwort, passt zu meiner Situation, genügt mir aber noch nicht. Und so führt mich meine Fahndung zu einem Orthopädietechniker. Im Gepäck trage ich meine beiden Paar Laufschuhe, die Einlagen und die ultimative Frage:

Kann es sein, dass der Tatverdächtige für die elenden Fussschmerzen mein «Spreiz-Senk-Fuss» ist?
Die Antwort des Orthopädietechnikers ist so banal, dass ich mich danach fast etwas schäme, die Frage überhaupt gestellt zu haben: «Ja klar. Sie haben die Ursache erkannt und den Schmerz erlebt, offensichtlicher geht es nicht.» Ich versuche mich mit einer Nachfrage zu retten: «Vor dem 55er in München habe ich schon einige Trainingsmärsche absolviert und einen 30er und einen 50er ohne diese Monsterschmerzen geschafft. Die Fehlstellung hatte ich da bestimmt schon. Warum hat der Schmerz erst in München zugeschlagen?» Der Fachmann erklärt mir, dass die Schmerzen bei einer Fussfehlstellung dann besonders stark werden, wenn dadurch eine Entzündung ausgelöst wird. Es könne sein, dass ich auf den paar hundert Kilometern zuvor die Entzündung entfacht und sie dann mit weiteren Kilometern in München so richtig zum Glühen gebracht habe.

Kling einleuchtend. Als optimale Lösung entpuppen sich massgeschneiderte Einlagen für knapp Fr. 600.--. Ich entscheide mich vorerst für das 0815-Produkt für Fr. 21.— Wer weiss, vielleicht habe ich die einzige 0815-Stelle an mir gefunden und damit Fr. 579.— gespart.

Da bleibt nur noch das Rätsel um den mysteriösen Hammermann offen. Ich möchte von jemandem, der diesen Effekt schon einmal erlebt hat, folgendes wissen:
Wie äusserte sich der Hammermann-Effekt bei dir?
Dazu schildert mir ein ehemaliger Triathlon-Athlet seine Erfahrungen. Er beschreibt den Zustand als grosse, unheimliche, undurchdringbare Wand, die jedes letzte Energieprozent schluckt. Das Ende seiner Begegnung mit dem mächtigen Riesen: Er sei von Sanitätern «zusammengelesen» und mit dem Krankenauto abtransportiert worden – da habe auch seine mentale Stärke nichts mehr dagegen machen können.

Seine Schilderungen decken sich kaum mit meinen Erfahrungen und so rückt die Wahrscheinlichkeit, dass der «grosse Unbekannte» der Grund meiner Krise war, weiter in den Hintergrund. Um diesen Tatbestand endgültig ins Jenseits zu befördern, benötige ich weiteres Expertenwissen. Meine letzte Ermittlungsunterstützerin ist eine Ernährungsdiagnostikerin. Sie stellt sich bereit, die folgende Frage per Mail zu beatworten:
Ist die Belastung bei einem Marathonmarsch (ich renne nicht!) genügend gross, dass es theoretisch zu einem derartigen Kohlenhydratmangel kommt, dass der Glucosespiegel zu niedrig wird und der "Hammermann" einsetzt?

Seit rund zwei Wochen warte ich auf ihre Antwort und nutze diese Tage, um die neuen Einlagen zu testen. Und sie scheinen ihre Wirkung zu zeigen.
Mittlerweilen glaube ich, die ausstehenden Antworten nicht mehr zu benötigen. Die Ermittlungen sind abgeschlossen, der Spreiz-Senk-Fuss als Täter definiert und zum Absitzen der Haft in einlagenversehenen Schuhen verurteilt.
Hiermit beende ich die verkopfte (und für mich extrem spannende) Krisenanalysearbeit und widme mich wieder dem Herzstück meines Hobbys: dem Marschieren – Grind abstelle und ein Fuess vor de ander setze… Meter für Meter – Kilometer für Kilometer


Folge 16: Was für ein geiles Geburi-Geschenk - meine Freunde laufen mit!

April 2025

Da hat sich mein Mann ja wieder mal selbst übertroffen! Ich dachte eigentlich, meine Marscherei geht ihm allmählich auf den Kecks. Tut es ja vielleicht auch, aber anstatt sich zu nerven, entwickelt er eine grandiose Idee. Zusammen mit einem guten Freund erschafft er eine Homepage (mit eigenem Logo!), auf welcher man einen Support für mein 100km-Projekt anmelden kann: Man kann sich melden, um mich an einzelnen Posten zu erwarten, um mich zu motivieren oder sogar stückweise mitmarschieren. Drei Tage nach meinem Geburtstag findet meine Krimibrunch-Party statt und da verplappert sich doch tatsächlich schon der eine oder andere (also vor allem DIE eine 😊), dass er bzw. sie mich supporten wird.
Ob da auch noch Lieblingsessen-, Massage- und Physiotherapieposten eingebaut sind? Ich werde es sehen. Sämtliche Supports sind geheim (ausser, man verplappert sich…) und sollen mich auf der 100km Strecke um den Zürichsee überraschen und zu weiteren Kilometern treiben. Was für eine ultracoole Idee!!!

Ein grosses Dankeschön an meinen Mann und an meine Freunde! Ich habe einfach die besten Menschen um mich herum! Ich habe keine Million, kein schnelles Auto und auch kein eigenes Haus. Aber ich habe Freunde, die mich mögen, wie ich bin und die mir Zeit schenken und mich damit glücklich machen. Was will ich mehr? DANKE!

Nun bin ich natürlich unglaublich gespannt, wen ich auf der Strecke alles antreffen werde. Und, ob sie mich unter den vielen Teilnehmern überhaupt entdecken (vielleicht muss ich mir einen Giraffenkopf aufsetzen... oder meine Haare pink färben).  

Folge 17: 1. MM-Day
April 2025

Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich die besten Freunde habe? Sie unterstützen mich sogar beim Training. Aber alles von vorne:
Mein Trainingsplan bis zum 100er im August sieht vor, jedes Weekend einen Trainingsmarsch zu absolvieren, davon soll mindestens einer pro Monat 40 oder mehr Kilometer betragen. Die gebuchten Mammutmärsche (München im März, Nürnberg im Mai und Mannheim im Juni) erfüllen dieses Ziel bei Weitem und so müssen nur noch zwei längere Märsche für April und Juli her. Die Schnittmenge aus «Mammutmarsch-Datenplan», «Termine in meiner Agenda» und «Budget für Hobby» ergibt leider keinen Treffer und so ist Eigeninitiative gefragt.


Ich stelle eine 40km-Route inkl. Verpflegungsposten (VPs) zusammen und schicke die Idee ein paar Freunden. Wer weiss, vielleicht sind ja dem einen oder anderen 55'000 Schritte ebenfalls sympathischer als ein entspannter Ausschlaf-Sonntag. Mein Mann drückt sich ein weiteres Mal vor dem Mitmarschieren, stellt sich aber heldenhaft als VP-Volunteer zur Verfügung (und überlegt sich auch gleich ein paar coole Sprüche für die Beschriftung der Motivationsbananen).




Ich rechne mit maximal einer Hand voll Personen, die sich mir anschliessen. Schlussendlich sind wir 13 Märschlerinnen und Märschler, welche die (ganze oder Teile der) MM-Day-Strecke von Jona nach Wallisellen marschieren. Wir erleben einen tollen Tag mit perfektem Wanderwetter, guten Gesprächen, hammerfeinen VPs, einigen Seufzern und auch ein paar Blasen. Und auch typische Langmarschphänomene sind dabei: Essen, das noch nie besser geschmeckt hat (hier geht es nicht um ein Rindsfilet, sondern um eine Essiggurke und eine Banane), Personen im «überegheite» Zustand (gibt es dafür überhaupt ein hochdeutsches Wort oder passiert das nur uns Schweizern?) und auch «warum mache ich das?» ist zu hören.

Jeder hat sich für diesen speziellen MM-Day ein persönliches Ziel gesetzt und egal ob Teilstrecken oder ganze Strecke: Alle erreichen (oder übertreffen!) es – GRATULATION EUCH ALLEN!
Nicht nur GRATULATION, sondern auch DANKE! Egal, wie «gspunne» meine Ideen auch sind, ich habe immer Freunde um mich herum, die mitmachen! Ein schönes Gefühl!


Ein weiteres Dankeschön geht an den VP-Volunteer für die unglaublich leckeren VPs (die dadurch erzeugten Verspätungen auf den Folgerouten nahmen wir gerne in Kauf). Danke auch an meine Tochter für die selbstgemachten Energyballs und Hafer-Power-Cookies).



Und eines ist sicher: In den nächsten Monaten wird man den einen oder anderen der heutigen Truppe auf einem offiziellen Marsch sehen… (kriege ich eigentlich Provision bei Mammutmarsch.de?)

Wenn du beim Lesen dieses Blogbeitrages öfters geschmunzelt hast, du genau weisst, von was ich schreibe und dich vielleicht sogar auf einem Foto entdeckt hast, dann gehörst du höchstwahrscheinlich zur Truppe, die am 1. MM-Day dabei war. Und falls du zu den Bloglesenden gehörst, die sich fragen, was die Abkürzung MM bedeutet, dann warst du definitiv nicht dabei und könntest dir überlegen, beim 2. MM-Day im Juli dabei zu sein.


Folge 18: Mammutmarsch Nürnberg, 55km – lockerer Vorbereitungsmarsch oder eine weitere Grenzerfahrung?
Mai 2025

Die Antwort lautet: Weder noch. Aber alles von vorne:

Nach dem Wiedersehen mit meinen beiden Nürnberger-Wander-Buddies (siehe Blogbeitrag November) lerne ich zwei weitere Jungs aus ihrem Freundeskreis kennen und so starten wir frisch und motiviert in dieser Fünfergruppe den Mammutmarsch in Nürnberg. Nürnberg scheint eine animale Hochburg zu sein, denn auch dieses Mal besuchen uns Tiere auf der Route. Ich erfreue mich ob der Strecke entlang des Tiergartens und versuche, einige Tiere zu erspähen. Zeitgleich kämpfen meine männlichen Wegbegleiter mit einem äusserst unangenehmen tierischen Gegner, dem Isegrim. Während ihres unerschöpflichen Kampfes (indem ich sie nicht unterstützen kann – denn dagegen helfen auch die Schweizer Ovoschoggi-Täfeli nichts) nutze ich die Gelegenheit, mich literarisch weiterzubilden. «Ich geh’ mal den Wolf füttern» höre ich immer wieder. Die dabei angewandte Intonation lässt mich die Wichtigkeit ihres Handelns in dieser Angelegenheit erahnen. Ich mache mich also auf die Suche nach der Bedeutung dieses Satzes. KI meint dazu nur: Für diese Suchanfrage ist keine Übersicht mit KI verfügbar. Es muss sich also um eine äusserst mysteriöse und geheim gehaltene Mission handeln. So entscheide ich mich, meine Detektivarbeiten fortzusetzen – Zeit dafür habe ich auf dem Marsch genug und nach stundenlanger Recherche besitze ich folgende Indizien:


Opfer: ausschliesslich männlich
Täter: Canis lupus (umgangssprachlich auch «Wolf» genannt)
Widerstand mittels: Vaseline
Örtlichkeit des Gegenangriffs: hinter Bäumen oder sonstigem Sichtschutz


Und bevor sich die Frauen jetzt unnötige Geschichten zusammenreimen: Fragt einen Mann (am besten einer, der schon einen längeren Marsch hinter sich hat) nach des Rätsels Lösung.
Mein Wortschatz ist jedenfalls stolzer Besitzer eines neuen Sprichwortes. Und somit ist bewiesen, dass ein Marsch auch für die Bildung eines Menschen von grossem Nutzen sein kann.


So viel zur literarischen Bildungsphase dieses Marsches. Apropos Phasen: Jeder unserer Gruppe hat seine Hochs und Tiefs, die einen ausgeprägter als die anderen. Ich bin froh, dieses Mal nicht zu den Krassestleidenden zu gehören. Ich nutze die rund zwölf Stunden Marsch (neben meiner literarischen, isegrimmschen Recherche) auch dazu, aus sportpsychologischer Sicht die verschiedenen Phasen unserer Zustände zu analysieren. Eine nicht zu unterschätzende Arbeit, da ich nicht als Beobachterin, sondern als Teil der Mammutherde mittendrin bin. Erschwerend ist auch, dass wir fünf die Phasen unterschiedlich intensiv und lange erleben und auch nicht alle von uns zur selben Zeit in derselben Phase sind.
Ich versuche deshalb, die Analyse zu pauschalisieren und euch die verschiedenen Stadien mithilfe des Mammutmarsch-Bingos zu erklären (mit Klick aufs Bild vergrössert sich die Ansicht). Ein Dank geht an dieser Stelle nach Deutschland zu Steffen Bischoff (www.steffenbischoff.com), der mir freundlicherweise erlaubt hat, seinen Blogbeitrag über die Phasen eines Marathons als Basis für meine Analyse zu verwenden.
Wer nicht so viel Text mag, für den gibt es am Schluss dieses Beitrages eine Zusammenfassung.

Phase 0 – Der Start
Zu Beginn ist alles in Ordnung und die Stimmung gut. Nach langer Vorbereitung stösst der Körper Adrenalin aus und es geht endlich mit einem dreifachen «Mammut-Marsch, Mammut-Marsch, Mammut-Marsch» los!


Phase 1 – unbesiegbar
Auf den ersten Kilometern ist die Stimmung gut, wir plaudern viel und planen den Zieleinmarsch mit möglichen Zeitangaben. Eine dazu nötige Durchschnittsgeschwindigkeit und die Dauer der Pausen werden definiert. Wir sind schmerzfrei und frohen Mutes.

Phase 2 – Verbundenheit
Wir geniessen, nicht allein zu laufen. Unsere Aufmerksamkeit ist gross, der Blick und das Interesse sind auf die ganze Herde gerichtet. Die Stimmung ist heiter.



Phase 3 – Mitleid und Verdrängung
Nach drei Stunden pausenlosem Marsch ist noch nicht einmal ein Drittel geschafft. Dieser Gedanke kommt in dieser Phase aber gar nicht auf. Wir verdrängen schlichtweg, dass es bis zum Ziel noch weit ist. Die Herausforderung würde sonst zu gross werden. Was wir jedoch registrieren, sind einzelne Herdenmitglieder, welche jetzt schon leiden. 

Da verteilt man gerne, was man in diesem Moment zur Verfügung hat: ein lieber Motivationsspruch, ein Schweizer Biberli oder ein Blasenpflaster.

Phase 4 – Panikanflug (kurz vor der Hälfte der Strecke)
Alles, was wir verdrängen, sucht sich irgendwann einen Weg zurück. Wenn die Kräfte langsam nachlassen, fällt es dem Verdrängten noch leichter, sich seinen Weg zurück in die Gedanken zu bahnen. Ein leichter Anflug von Panik breitet sich aus, weil die noch zu bewältigende Herausforderung plötzlich beunruhigend wirkt. Zumal sich auch einzelne Muskelpartien langsam aber sicher bemerkbar machen und finden, dass sie genug von der Tschalperei haben.

Phase 5 – Ernüchterung und/oder geistige Entgleisung
Jetzt kommen die ersten Blasen und mit ihnen das Grübeln. War es wirklich eine gute Idee, bei diesem Marsch mitzumachen? Macht das überhaupt Sinn? Warum tue ich mir das an? In dieser Phase sind richtige Unterstützer Gold wert und die haben wir definitiv in unserer Gruppe. Da nicht jeder zur selben Zeit an diesem Punkt angelangt, können wir uns gegenseitig durch diese Phase pushen. 


Wichtiges Material in diesem Stadium: Blasenpflaster, Schere, Silikon-Zehen-Haube, Tape und Wundsalbe.
Einige lassen die Ernüchterungsphase kaum an sich heran oder versuchen, mit Albereien das Grübeln zu verdrängen. Das ist der Grund, warum in dieser (eigentlich kritischen Phase) viele Sprüche gerissen werden und jeder Spruch zu einem Gelächter führt. In der Schweiz betitelt man diesen Zustand als «überegheit». Das Berndeutsche Wörterbuch hat tatsächlich eine Hochdeutsche Übersetzung dazu bereit: Geistige Entgleisung.
Diese Phase verstehen wohl nur Beteiligte.

Phase 6 – längere Pause
Der motivationsgeladene Zeitplan (er stammt aus Phase 1) wird mit einer längeren Pause versaut. 






Wir haben sie aber nötig und so geniesst jeder, was ihm gerade guttut.

Und weiter geht’s, hoffentlich nur noch aufwärts… doch da kommt Phase 7:


Phase 7 – das grosse Tief
Was vorher kleine Zweifel oder größere Ernüchterung waren, fühlt sich jetzt an wie ein Loch. Der grosse Einbruch ist da. Jetzt heisst es: Aufgeben oder dranbleiben! Die Phase ist heftig, doch zum Glück dauert sie nicht allzu lange an und somit erweitert sich unser Bingo innert kürzester Zeit um zwei Kreuze.


Phase 8 – das Ziel vor Augen
Jetzt ist es nicht mehr weit. Der Körper hat kaum noch Reserven, aber das Ziel scheint erreichbar. Erschöpfung und Schmerzen sind überall spürbar, gleichzeitig aber auch die Vorfreude durch das Ziel zu marschieren. Dieses Bild lässt unsere Gedanken nicht mehr los und wird zu einem klaren Zielbild, welches weiter antreibt.

Phase 9 – Der Heldenmoment
Wir sehen das Ziel und die Schmerzen sind für einen Moment weg. Mit erhobenen Händen schreiten wir unter dem Zielbogen durch und erleben ein breites Spektrum an Emotionen, von purem Glück über Erleichterung bis hin zu Erschöpfung und Stolz. Wir haben unser Ziel erreicht. 




Keine fünf Minuten nach Zieleinmarsch sitzen wir mit unserem Finishergetränk im Zielbereich und googeln, wo der nächste Marsch stattfindet.

Die Schmerzen werden in den nächsten Tagen weniger, Stolz und Freude werden bleiben.




Für die Lesefaulen gibt es hier wie versprochen die Analyse in Kurzform:
1. Los geht’s!
2. Ich marschiere und geniesse!
3. Warum mache ich das?
4. Bin ich schon tot?
5. Ich wünschte, ich wäre tot!
6. Ich bin tot!
7. Ich möchte nochmal!

Mein Fazit zum Mammutmarsch Nürnberg: Coole Truppe, wunderschöne Strecke, top Wetter, akzeptable Zeit, scheiss Schuhe (mit solchen Blasen marschiere ich keine 10 Kilometer weiter), gute Ausrüstung (mal abgesehen von den Schuhen), optimiertes Rucksackgewicht und ein gewachsener Respekt vor der 100er-Strecke.


Folge 19: Hitzeschlacht am Mammutmarsch in Mannheim, 60km – letzte offizielle Probe vor dem 100er
Juni 2025

Das (für mich) Wichtigste gleich zu Beginn: Die 60km sind bewältigt, der neue Kilometerrekord geschafft. Der Rest folgt in Stichworten und Bildern:


Start/Ziel

Ehrenhof, Schloss Mannheim, eine unglaublich schöne und eindrückliche Kulisse, ich bin beeindruckt, perfekte Voraussetzungen für eine Heldentat

Wetter

14 Stunden pralle Sonne bei 30-35°C

Hitze

Die Hitze setzt uns allen zu und so sieht man (vor allem auf den letzten 10 Kilometern) viele Hitzegeschädigte. Jeder (spärlich vorhandene) Schattenplatz und jede Bank ist belegt mit zusammengebrochenen oder pausierenden Mammuts. 

Strecke

Mannheim-Heidelberg-Mannheim, Total 62km (rund 100'000 Schritte am Stück)

Attraktionen

Schloss Mannheim, Rheinuferweg, Schloss Schwetzingen, Neckaruferweg, Schloss Heidelberg, Philosophenweg, Bismarckturm Heidelberg, Wasserturm Mannheim

Verpflegung

Vorerfahrungen nutzen, optimal verpflegen (Kohlenhydrat-, Elektrolyte- und Wasserzufuhr stimmen)

Rucksack

Minimales Gewicht, keine unnötigen Zusatztools, alles Nötige dabei

Apo

Alle Blasenpflaster (ca. 16 Stück), Tapes (ca. 50cm) und Druckstellenpflaster (60cm2) werden aufgebraucht – aber nicht für mich allein, unterwegs versorge ich noch Mammuts mit malträtierten Füssen (und würde zu gerne wissen, ob sie es bis ins Ziel geschafft haben)

Füsse

Dank im Vorfeld abgeklebter Risikostellen halten sich die Blasen in Grenzen*. Die brennenden, schmerzenden Fusssohlen quälen mich aber zunehmend (da muss bis Zürich noch eine Lösung her - Ideen bitte melden!!! Und wenn eine Idee dabei ist, die ich noch nicht kenne und ausprobiert habe, dann spendiere ich ein Glacé!) 

Schmerzen

Der Schmerzkreativität meines Körpers hat die Hitze wohl auch zugesetzt. Sie zeigt sich in Mannheim handlungsunfähig und so bleibe ich heute (abgesehen von den brennenden Fusssohlen) schmerzfrei - sicher auch dank den streberhaft ausgeführten Kraft- und Dehnungsübungen im Vorfeld). 

kulinarisches

Highlight

Wasserglacé bei 30 Kilometern (Danke Eugen!)

Begleitung

Ein grosses Dankeschön an meine beiden Wanderbuddies – zu Dritt gehen Zeit und die zwischendurch nicht endenden Wege schneller vorbei

Herde

Auch heute treffe ich wieder Menschen, deren Schicksale beeindruckend sind. Und Menschen, deren Körperhaltung, Marschstil oder Leiden nicht nach Zieleinmarsch aussehen. Vom einen oder anderen Mammut würde ich zu gerne wissen, ob es den Weg durch den Zielbogen geschafft hat – zu gönnen wärs ihnen! Umso schöner, dass wir im Ziel «Die Frau in Weiss» wieder getroffen haben (sie wäre ein eigener Blogbeitrag wert – erzähle euch gerne persönlich davon).

Ziel

Im Eindunkeln erreichen wir die wunderschöne Schlosskulisse und ich geniesse den trillerpfeiffenden, jubelnden Lärm der Zielmammut-Volunteers und den Endorphin-Ausstoss in vollen Zügen. Der Marsch dauert über 14 Stunden, der Zieleinmarsch gerade mal 10 Sekunden. Da fragt man sich: «Ist es das Wert?». Meine Antwort: «JA!».

* Erst am nächsten Tag, zu Hause nach dem Fussbad, entdeckte ich die Blasen und Risse rund um meine als genial abgeklebt empfundene Druckstellen. Also doch keine brennenden, schmerzenden Fusssohlen sondern einfach "nur" viele (Brand?)Blasen...


Anbei ein paar Bilder über Freud und Leid (siehe Gesichtsausdruck) am Mammutmarsch in Mannheim:














Der 100er Ende August rückt näher und ich bin überzeug, dass es für mich eine Chance gibt, diesen zu schaffen. Es ist mir aber auch bewusst, dass es unglaublich hart werden wird und dass nahezu alle Faktoren optimal sein müssen, damit ich das Ziel erreichen kann. Ich werde auf jeden Fall alles (finanziell, zeitlich und körperlich) Machbare tun, um die Sterne? Das Schicksal? Das Glück? Das Momentum? Oder ganz einfach UM MICH optimal auf mein Vorhaben vorzubereiten. Ganz nach dem Motto: NO LUCK – PURE SKILL.

 

Folge 20: 2. Seepferdchen, Trophäenbuch und Co.
Juli 2025

Da liegt mir eine Sache doch so am Herzen, dass ich an dieser Stelle einen ungeplanten Blogeintrag hineinschmuggle. Die Story begann vor ein paar Jahren im Lehrerzimmer, als (einmal mehr) die Diskussion rund um die Schwimmabzeichen «Seepferdchen» und Co. entfachte. Meine Meinung dazu war klar: Diese doofen Stoffabzeichen belasten das Klassenbudget entscheidend, kein Elternteil freut sich (oder ist gar nicht mal fähig dazu), die Nähmaschine hervorzukramen und das Badetuch des Schützlings mit diesen Dingern voll zu pappen und die Kids selbst schmeissen die Stücke ja eh irgendwo in eine Ecke (sofern sie nicht zu den Glücklichen gehören, deren Eltern eine Nähmaschine besitzen und sie dafür Streifen am A… haben, wenn sie das vollbestickte Badetuch danach auch tatsächlich noch verwenden). Wäre es das einzige Leistungssouvenir, dann hätte ich den Wirbel um das Stückchen Stoff ja verstehen können. Aber die Kids erhalten für jede noch so kleine Anstrengung eine Trophäe – selbst, wenn sie die Ziellinie des Dorflaufes auf den Schultern der in Schweiss gebadeten Mutter überqueren. Mein älterer Sohn hat das schnell kapiert und so liess er beim Skirennen alle Tore aus und fuhr auf direktem Weg ins Ziel – Die «das hast du gut gemacht – Medaille» hatte er ja eh auf sicher.
An der Lehrer-Teamsitzung jedenfalls wurde das Thema der Schwimmabzeichen traktandiert, ausführlich durchdiskutiert und die Erhaltung mit einer einzigen Gegenstimme beschlossen.


Zurück zur Gegenwart: Auch bei den Mega- und Mammutmärschen gibt es Stoffaufnäher, welche man sich mit geschafften Kilometern verdienen kann. Die geleisteten Kilometer werden in einem Trophäenbuch festgehalten. Und ehrlich gesagt freute ich mich riesig über die ersten Kilometerstempel nach meinem ersten Zieleinlauf in Stuttgart. Nach dem Killermarsch in München fühlten sich die Stempel gleich doppelt so wohltuend an und berechnend, wie ich war, freute ich mich schon im Vorfeld darauf, dass ich in Nürnberg den ersten Leistungspatch (150km) ergattern würde. Die Enttäuschung war riesengross, als ich nach meinem dritten gefinishten Mammutmarsch im Ziel ankam und die 150er-Patches schon alle waren. Echt jetzt? Muss genau die Kiste mit den 150ern leer sein? Ich reiste also ohne mein erstes Mammutmarsch-Leistungssouvenir zurück in die Schweiz. Und dies, obschon ich mir schon im Zug auf der Hinfahrt schon überlegt hatte, an welcher Stelle auf meinem Rucksack ich das gute Stück hin nähen soll (ja, ich besitze eine Nähmaschine und ja, ich kann auch nähen).
So blieb mir also nichts anderes übrig, als mich umso mehr auf Mannheim zu freuen, denn da würde ich auch gleich die 200er knacken und somit gleich zwei Patches auf einmal erhalten – die werden mir ja hoffentlich den verdienten 150er auch noch nachreichen?
Im Ziel vergass ich für einen Moment meine mit Blasen übersäten Fusssohlen, watschelte freudig zum Trophäenstand, holte mir meine Stempel ab und… oh NEIIIIN, was ist denn da los? Der Stand mit den Leistungspatches hat tatsächlich schon geschlossen??? Als ich das rote Band beim wichtigsten Zelt des Abends entdeckte, blieb ich schockiert stehen. Eine kleine Panikwelle wollte mich gerade überrollen, da erspähten meine Augen Kistchen. Ja, genau DIE Kistchen. Nur sass dummerweise niemand dahinter, der mir meine wohlverdienten und freudig erwarteten Stoffabzeichen hätte aushändigen können. Die liebe Dame vom «Stempel-Stand» muss meine Enttäuschung wohl bemerkt haben und meinte: «Kriegst du noch 'nen Patch?»
«NEIN, ZWEI!» war meine (ausnahmsweise wohl etwas unanständige) Reaktion. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie schön das Gefühl war, als ich die beiden kleinen Stoffdinger in der Hand hielt, die darauf warteten, liebevoll auf den Rucksack genäht zu werden. 



Habe ich schon erwähnt, dass sämtliche Marsch-Finishermedaillen in meinem Zimmer hängen? Jap, die gibt es nämlich (zu meiner Freude) zum Finishergetränk, den Kilometerstempeln, den Leistungspatches und dem Finisherbändchen dazu!

(Bild: Meine Marsch-Trophäen seit Oktober)




Zurück in die Schule: Vor ein paar Wochen hat doch tatsächlich irgend so ein Dödel von Lehrerkollege die Diskussion rund um die Schwimmabzeichen neu entfacht – sie würden das Klassenbudget zu fest belasten und seien überhaupt nicht wichtig. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie lautstark und argumentationssicher ich diese unüberlegten Aussagen dementiert habe. Es scheint, als wäre ich genügend überzeugend gewesen – das Thema erschien jedenfalls nicht mal auf der Traktandenliste der nächsten Teamsitzung...

ES LEBE DAS SEEPFERDCHEN!



Folge 21: Die faule Socke

Juli 2025
Da sind sie nun, die letzten Wochen vor dem grossen Event. Seit Oktober, also seit neun Monaten trainiere ich auf DEN Tag, auf MEINEN Tag, auf den 30. August 2025. Ich habe jede Gelegenheit genutzt, um Kilometer um Kilometer und bei jedem Wetter zu Fuss zu gehen (da sammelt man doch tatsächlich über 1000 Trainingskilometer - die Alltagskilometer nicht einberechnet), verschiedene Schuhe mit diversen Einlagen und Socken getestet, mich eingedeckt mit gefühlt allen Scholl- und Compeet-Produkten, die es auf dem Markt gibt und mich und all meine Erfahrungen durchanalysiert und -philosophiert. Nun steht der grosse Moment kurz bevor und die Vorbereitungen inklusiv Training laufen auf Hochtouren - sollten sie zumindest. Und was passiert bei mir gerade? Nichts! Einfach NICHTS! Seit dem 60km-Marsch in Mannheim Mitte Juni spüre ich einen riesigen Durchhänger. Die Motivation fürs tägliche Training ist auf dem Tiefpunkt angekommen. (Ging es mir zu gut in Mannheim? Ruhe ich mich auf den Lorbeeren aus?) Dieses Gefühl, einfach nicht in Gang zu kommen, kenne ich nicht. Es befremdet mich. Trotzdem entscheide ich mich, es anzunehmen, ihm eine Weile nachzugeben und mal ein paar Tage nicht zu trainieren. Irgendwie fühlt sich der Durchhänger gemütlich an und so werden aus ein paar Tagen vier Wochen. Ich ärgere mich zwar konstant über meine eigene Faulheit, mache aber nichts dagegen. Es ist ja nicht so, dass ich faul herumliegen würde. Nur verwende ich meine Energie anderswo und Gründe fürs Auslassen des Trainings finde ich genügend: Schuljahresende (Zeugnis schreiben, letzte Elterngespräche, Abschlussaufführung, diverse Apéros und Verabschiedungen), Wohnungsumzug (Kündigung, Organisiererei, Umzugstage, Putzerei, Einräumen, Reparaturen) und so weiter.
Und mal ganz ehrlich: Klar tönen diese Fakten wie mächtige Gründe, aber eigentlich sind es nur Ausreden. Die neun Monate zuvor fand ich auch immer irgendwo Zeit zum Latschen. So befasse ich mich also mit meinen Ausreden. Ich versuche, mich in die Aussenperspektive zu beamen und lasse die folgenden Sätze auf mich einprasseln: «Es gibt Menschen, die nichts Schlechtes dabei finden, sich einzureden, ihre Ausreden dienten der guten Sache» oder «Sei stärker als deine stärkste Ausrede!» Ja, ja… blabla…
Ich kenne ich diese Sprüche und benutzte sie als Sport Mental Coach auch regelmässig. Aber wenn es dich so richtig erwischt (wie mich gerade), dann sind die Ausreden auf einmal verdammt stark. Und gibst du ihnen einmal den kleinen Finger, dann nehmen sie gleich die ganze Hand – nein, noch viel schlimmer: deinen ganzen Körper.

Meine Rettung ist der selbst organisierte, zweite MM-Day. Korrekterweise heisst der Satz: Meine Rettung sind meine Freunde, die meine Einladung zum zweiten MM-Day annehmen und mich Mitte Juli auf einem 40km-Trainingsmarsch begleiten. Wir geniessen eine wunderschöne Strecke zum Thema «Seen und Weiher» (auch wenn die Natur nicht mehr alle auf Google-Maps abgebildeten Weiher im Angebot hat), wiederum leckere Verpflegungsposten (unsere Männer sind einfach die Besten!) und interessante Gespräche. Wir sind im Marschflow und auch die Regengüsse auf den letzten zehn Kilometern können uns nicht aufhalten. Ich geniesse es, wieder «on Tour» zu sein und wem/was auch immer zum Dank hat meine Fitness meinen Monatshänger gut überstanden.
Am Tag des MM-Days bin ich mir sicher, meine Krise überwunden und sechs Wochen vor dem grossen Tag gerade noch die Kurve
 gekriegt zu haben.


Falsch gedacht: Es geht in gleichem Stil weiter wie in den Wochen zuvor. Was ist nur los mit mir? Ich bin doch sonst immer so streberhaft, zielorientiert und motiviert unterwegs. Ich empfinde die Situation als nervend, sie macht mich wütend. Und doch bin ich nicht im Stande, sie zu ändern. Echt jetzt? Ich bin von Beruf Sport Mental Coach und schaffe es nicht, einen Weg aus dieser Krise zu finden? Oder möchte ich es gar nicht?

In den nächsten zwei Wochen stehe ich als OK-Präsidentin eines internationalen Grossanlasses im Einsatz und so muss ich mich nicht um meine Krise kümmern. Das kommt mir gerade recht, denn sich mit einer Krise auseinanderzusetzen ist anstrengend und die daraus entstehenden Erkenntnisse sind unangenehm und die Bewältigung meist mit Aufwand verbunden. Und so lasse ich auch in den nächsten zwei Wochen alle möglichen Trainingskilometer aus.
Kurz vor dem Finalspiel des oben erwähnten Grossanlasses treffen ich einen Athleten, den ich in der Vergangenheit längere Zeit als Sport Mental Coach begleitet habe. Wir begrüssen uns freundschaftlich und er spricht mich auf meine Märsche an, die er über meinen Whatsapp-Status verfolge. Er stellt die banale Frage: «Warum machst du das?» Die Frage habe ich zuvor gefühlt schon 1000 Mal gehört und beantwortet, aber dieses Mal schlägt sie bei mir ein wie eine Bombe. Sie rüttelt mich wach. Sie weckt meinen Trieb, den 100er zu schaffen. Sie legt die Energie frei, die ich vor meiner «faule-Socke-Krise» monatelang gespürt und fürs Training genutzt habe. Sie gibt mir den Sinn zurück. Sie legt die Sicht auf mein Ziel wieder frei.
Wie konnte ich mir nur die Sicht auf mein grosses Ziel verdecken? Warum habe ich es so lang und vor allem nicht selbst geschafft, wieder zu meiner Spur zu finden? Und warum ist ein Athlet, dem ich zufällig begegne fähig, die alles entscheidende Frage zu stellen und damit mein Denken umzukrempeln? So ganz nebenbei erwähnt ist das eine Fähigkeit, die ich in der Rolle als Mental Coach recht gut beherrsche.  

Jänu… es ist halt passiert. Und zurück blicken nützt ja eh nichts und so geniesse ich das tolle Gefühl, mein Ziel wieder vor Augen zu haben – klarer geht es nicht.


Obschon ich am selben Abend (nach vier anstrengenden Tagen) todmüde zu Hause ankomme, öffne ich meine Marsch-Schublade und ziehe die darin verstaute Kartonschachtel hervor. In dieser befindet sich mein Zielbild (siehe Folge 9). Ich betrachte meine eigens erschaffene 3D-Kreation und spüre, wie das Feuer wieder zu lodern beginnt. Ich lächle, schaue mit fest entschlossenem Blick in den Spiegel und sage mir entschlossen: «Morgen geht’s wieder los…» Da klopft der Sport Mental Coach in mir an und meint: «Der beste Zeitpunkt ist immer JETZT». Und so mache ich symbolisch noch 20 Liegestützen, bevor ich in einen wohlverdienten Komaschlaf falle.


Unsicher, ob der Motivationsschub nur ein Traum war, öffne ich am nächsten Morgen meine Augen. Noch im Pyjama erledige ich pflichtbewusst und zielstrebig meine Dehn- und Kraftübungen. Und so bin ich mir sicher: Da bin ich wieder! Die zielorientierte, streberhafte, motivierte Spinnerin ist zurück! Aus dem Weg da - ich will trainieren! Mir bleiben nur noch vier Wochen…



Folge 22: Der Countdown läuft - die letzten Tage vor der grossen Challenge
August 2025

Zurück im Trainingsfieber machen sich etliche Spuren meiner «Faule-Socke-Zeit» bemerkbar. Bei den ersten Märschen nach meiner Wiedergeburt schmerzt meine Hüfte wieder höllisch und der Rücken erträgt über längere Distanzen nur den Mini-Rucksack. Meine Waden finden meine zurückgefundene Motivation auch nicht lustig und zeigen dies mit erneutem Zusammenziehen zu harten Stellen.  Zurück auf Feld 1 – so fühlt es sich an, ich ärgere mich über mich selbst (nicht allzu lange, dafür ist keine Zeit mehr) und so nehme meine Physioübungen wieder ins tägliche Programm mit auf.
Kaum habe ich die Trainingsmotivation wieder gefunden, da steht eine Woche Zeltferien mit meinem Kleinsten auf dem Programm. Kilometer abspulen kann ich die nächsten sechs Tage vergessen – Kreativität ist gefragt. «Es gibt keine Gründe, nur faule Ausreden» ist die ganze Woche mein Motto und so nutze ich jede Gelegenheit, mich fit zu halten.

Oberschenkeltraining: Im Kinderpool sprinte ich, als würde ich von einer Schlange verfolgt werden, meine Runden – die Zeltplatzkinder freuts und geniessen einen tollen Strudel, der sie mitreisst. So mutiere ich im Nu zur «Strudelmama». WIN-WIN-Situation.

Grundlagentraining: Am Abend, nach einer ausgedehnten Sams-Vorlesesession, schläft mein Kleiner jeweils friedlich im Zelt ein. Dann heisst es für mich: Springseil schnappen, den geteerten Vorplatz bei der Sanitäranlage nutzen und bei Sonnenuntergang die täglich budgetierten 500 Springseilsprünge absolvieren. Die mir dabei zufliegenden, mit Fragezeichen bestückten Blicke der anderen Camper sind mir gerade piepegal. WIN-Hä?-Situation.

Wadentraining: Die obligaten «Jöggelirunden» (Tischfussball) gegen andere Eltern-Kind-Teams werden auf den Zehenspitzen bestritten. WIN-WIN-Situation.

Rückentraining: Der Rücken wird u.a. mittels Planks gestärkt. Diese führe ich ohne erstaunte Blicke anderer ganz im Stillen für mich vor dem Zelt aus. Der Kleine hat seine Freude und nutzt die Fläche als Tisch für sein Frühstück. Dass sich meine Plankposition für seine Ovo nicht eignet und die Ovoflecken auf der Picknickdecke nicht so leicht auszuwaschen sind, weiss er nun auch… WIN-LOOSE-Situation.

Solange meine Fitness das WIN kassiert, ist mir alles recht.

Regeneration: Wer mich kennt, der weiss, dass dieser Punkt für mich anstrengender auszuführen ist als der Fitnessteil. Aber hey: Auch ich lerne dazu und geniesse während unseren Campingtagen tatsächlich etliche Stunden im Pool (auch ohne Strampeltraining), auf dem Liegestuhl oder beim Nichtstun – selbstverständlich immer im Sinne der wichtigen Regeneration im Hinblick auf meinen 100er.


So neigt sich unsere Trainingslager- äh ich meine Campingwoche dem Ende entgegen, die Schule startet und es sind nur noch zwei Wochen bis zur Zürichseeumrundung. «Umrundung»? Das klingt gerade recht dynamisch, geschmeidig und angenehm. Der Realität entsprechend sollte ich den Event lieber umbenennen in «Der Kampf um den Zürichsee» (naja, tönt, als ob ich ausser mir noch andere Gegner zu tilgen hätte). Wie wäre es mit: «Einmal zur Hölle und zurück»? (So benamsen viele ihren ersten 100er in Blogs – motivierend wirkt das nicht).
Ich hab’s! Und muss nur etwas hochscrollen zur Folge 10. Da steht es doch schwarz auf weiss und sogar die Autorin ist mir bekannt. «Mental-Game Zürichsee».

Die Tage 14-7 vor dem Start strebere ich nochmals richtig durch. Kilometer um Kilometer werden abgespult und dabei die letzten Einlagen- und Beilagentests durchgeführt. In diesem Rahmen findet auch der 3. MM-Day statt. 

Wiederholungstäter wie auch MM-Day-Neulinge machen sich auf die Runde um den Obersee und so werden die rund 40 Kilometer bewältigt (ob teilweise oder ganz spielt dabei überhaupt keine Rolle, jeder macht das, was er will und kann) - mit Hochs und Tiefs, spannenden Begegnungen, überraschenden VPs (Feste rund um den See sei Dank) und einmal mehr einer hammercoolen Truppe. 


Die MM-Days entstanden völlig egoistisch meinerseits. Nämlich, damit ich in den Vorbereitungen zum 100er zusätzliche Trainingsmotivation durchs Nicht-Alleine-Laufen erhalte. Die dabei entstandene Freude (die durchaus das Wort Marsch-Euphorie verdient), die tolle Truppe, die schönen Strecken und nicht zuletzt auch unser eigenes MM-Day-Logo lassen vermuten, dass mit den MM-Days auch nach dem «Rock and Hike Zürich» nicht Schluss ist.


Eine Woche nach dem MM-Day absolviere ich nochmals gut 55 Kilometer in zwei Tagen. Start ist jeweils um 4 Uhr morgens, um mich nach dem langen Sommer auch wieder etwas mit der Dunkelheit anzufreunden und um die Familienaktivitäten nicht zu verpassen. Selbst bei so menschenunfreundlichen Startzeiten laufe ich nicht immer alleine – Danke an meine treuste Trainingskilometerbegleiterin.


Blick nach vorne, nach Zürich:

In den letzten Tagen (neben dem Arbeits- und Familienalltag) stehen noch einige kleine Vorbereitungen an:

  • Wetterbericht verfolgen und die Packliste anpassen (ich weiss, das ist nicht stündlich nötig, aber ich kann nicht anders)
  • alle Akkus laden (inkl. derjenige meines Körpers)
  • GPS-Daten auf meine Wanderapp beamen (verlaufen wäre doof, besonders in der Nacht))
  • Ganzkörperenthaarung (ja, ich weiss, das interessiert an dieser Stelle keine Sau, aber ihr könnt euch nicht vorstellen, wie saumässig es brennt, wenn ihr weit über 100'000 Schritte geht und irgendwo ein Haar im Wege steht)
  • Kohlenhydratspeicher füllen (das ist mein Lieblingsteil der Vorbereitung)
  • Rucksack packen
  • Arm beschriften (Dient als Spickzettel - die Kilometerzahlen der VPs werden notiert. Meine kulinarischen Highlights kann ich euch jetzt schon verraten: Sponsor Ovomaltine bei km15, Ghackets und Hörnli bei km50 (und wehe es gibt kein Apfelmus dazu!) und grosses Frühstück bei km88)

Manchmal frage ich mich echt, ob ich die Märsche wegen der Latscherei oder wegen den Verpflegungsposten mache – egal, ist ja nicht relevant


  • Haare färben (In Folge 16 habe ich mir ja schon Gedanken gemacht, wie man mich, «der kleine Stürchel», auf der Strecke erkennt. Pink sollte gehen, denke ich… und sonst bin ich am Ovi-Stand bei km15 zu finden)

 

Meine Gordine Lea und ich werden gemeinsam starten. Für uns beide ist klar, dass wir uns ziehen lassen, wenn einer schneller gehen möchte oder vom anderen die Schnauze voll hat (beides kann eigentlich nur einer von uns passieren 😊, aber trotzdem: es ist abgemacht!). Wer wie weit kommt, werden wir in den nächsten Tagen erfahren.


Während dem Marsch werde ich keinen Blog schreiben können (nicht nur aus technischen Gründen). Ich habe mir vorgenommen, immer nach 10 geschafften Kilometern eine kleine Videobotschaft in meinem Status zu posten. Sollte es jemanden Interessieren, der meinen Blog liest, aber nicht im Whatsapp mit mir verbunden ist, dann sendet mir doch via Kontaktformular eure Nummer. 


Jetzt sind es noch fünf Tage bis zum Start.

30. August 2025 um 8.30 Uhr. 

Fünf Mal schlafen. 

Das Training ist beendet. 

Der Countdown läuft. 

Die Spannung steigt.
Mein «Mental-Game um die Pfütze» steht vor der Tür.
Ich freue mich.

Bis dann.

Im Ziel!

Folge 23: Mental-Game – Rock and Hike Zürichsee – 100km in 24h
30./31. August 2025


Es ist Samstagmorgen, 30. August 2025. Mein Wecker klingelt um 06.06h – das hat keine Bedeutung, ich halte nichts von Ritualen (sie machen mich abhängig und schränken mich ein). Ich halte mich an Routinehandlungen. Sie geben mir Sicherheit und entlasten mein Gehirn – unnötige Denkleistungen wären verpuffte Energie. Egal, ob Trainings- oder Wettkampfmarsch - ich folge meinen routinierten Abläufen (Trainiere nicht für den Wettkampf – Trainiere den Wettkampf): Aufstehen, Handy aufladen, Füsse mit Hirschtalg einfetten, Elektrolytenwasser einnehmen, frühstücken, Sandwich füllen (gehört zusammen mit ein paar Minibiberli und einem Powergel zur Notration), die schon gestern bereit gestellte Sportlerflasche mit einem Beutel Sport-Kaltteebeutel und Wasser befüllen, ein letztes Mal die Wetterprognosen prüfen (passt alles, ev. Regen in den ersten Stunden, danach trocken), die bereitgelegten Kleider anziehen, Rucksack und Bauchtasche schnüren (diese habe ich schon vor zwei Tagen feinsäuberlich gepackt) und ab auf den Bus zum Bahnhof. In der S-Bahn mustere ich alle anderen Passagiere und versuche, den einen oder anderen Fahrgast als Märschler zu entlarven – ohne Erfolg. Ab Haltestelle «Zürich-Enge» ändert sich dies schlagartig. Egal, in welche Richtung man blickt, es sind nur noch Menschen mit Rucksäcken und Laufschuhen unterwegs. Alle sind in bester Laune. Vielleicht, weil sie naiv sind und nicht wissen, was auf sie zukommt, oder vielleicht, weil sie sich genauso auf Begegnungen, Überraschungen und auf eine grosse Challenge freuen wie ich. Ich teile ihre Vorfreude und verwickle mich schon in erste Gespräche. 



Meine Freude steigert sich, als ich meine Weggefährtin Lea im selben Tram entdecke. Ein Blick genügt und wir wissen: Wir sind bereit, wir sind so was von ready für unsere Challenge!




Dann geht alles schnell: Registrierung abschliessen, Startnummer montieren, Blase leeren, in den Startkanal und los geht die Reise. Im besten Fall stehen wir in 24 Stunden wieder am selben Ort – mit einer Medaille um den Hals (und wohl ein paar Leiden mehr am Körper). Der Start ist definitiv viel weniger attraktiv und emotional wie an den Märschen in Deutschland. Aber das interessiert mich gerade wenig, ich will los!


Kilometer 0-10

Die Laune ist gut, erste (Kurz-)gespräche mit anderen Märschlern finden statt, die meiste Zeit laufen wir allerdings zu zweit und verpuffen mal kurz in zwei Stunden die wichtigsten Gesprächsthemen, die wir uns eigentlich für 24 Stunden ausgedacht haben (imposant, wie viel man sich erzählen kann, wenn man die Aufmerksamkeit ungestört aufeinander richtet). Die Route führt uns hinab zum Zürichsee (diese Pfütze werden wir wohl noch mehrmals zu Gesicht bekommen in den nächsten Stunden), um den Seezipfel, beim Chinagarten vorbei und dann auf dem Pfadiweg hoch, dem Wehrenbach entlang. 

Ich geniesse eine wunderschöne Strecke mit viel Natur, Wald und Bach inkl. Wasserfällen. 

Die ersten Höhenmeter sind geschafft, die Stimmung ist gut, der Körper noch fit und schmerzfrei.






Erkenntnis: Mit Musik läuft es sich besser – danke an die fünf Männer (sie winken auf dem Video), deren Musikbox mich einige Kilometer magisch an- und mitzieht.


Kilometer 10-20

Nach 15 Kilometern erreichen wir, zirka 15 Minuten vorher als geplant, den ersten Verpflegungsposten (VP1). Laut meinem Spick auf dem Arm (siehe Foto) gibt es hier mein kulinarisches Highlight Nr. 1: Oviprodukte. So ist es dann auch und ich decke mich mit zwei Ovoschoggistängeli ein (hier lernen wir auch gleich einen ersten VP-Engel kennen – merkt ihn euch, er wird nochmals auftauchen). Die neumodischen Oviprodukte schmecken definitiv nicht so himmlisch wie die Retroversion (ihr wisst schon, die in Alufolie eingepackten Riegel, welche aus purem, komprimiertem Ovipulver bestehen und deren Rückstände auch noch Minuten, manchmal auch Stunden später zwischen den Zähnen kleben  – und so zu einem langen Genuss führen). Dafür können die netten Volunteers nichts und ich möchte mich ja auch nicht beklagen – die Ovoschoggistängeli schmecken auch lecker. An dieser Stelle hoffe ich, dass niemand von den Organisatoren diesen Blog liest und ich nicht auffliege, dass ich mir zwei davon geschnappt habe. In der Schweiz (das haben wir am ersten VP gemerkt), ist der Marschfood nämlich rationiert.

Ein Sandwich und ein Apfel ergänzen meinen Essbedarf perfekt und so geht es weiter auf die Strecke – noch 85 Kilometer. Nachdem der Weg aus dem wunderschönen Wald führt, wechselt die Strecke aufs Feld. «Die Pfütze ist zurück» und wir geniessen die nächsten Kilometer oberhalb des Zürichsees und bei schönstem Wetter.





Erkenntnis: Am Anfang ist immer alles (noch) gut.


Kilometer 20-30

Immer noch oberhalb des Zürichsees geht unser Weg weiter in Richtung Rapperswil. Kaum spreche ich meinen Wunsch nach etwas Salzigem aus, da entdecken wir vor uns ein Partyzelt (siehe Foto) mit strahlenden Menschen, die in Richtung der heranmarschierenden Spinnern schauen. Ich traue meinen Augen nicht und muss gerade kurz mal meinen psychischen Zustand überprüfen. Nein, ich bin definitiv noch nicht in der halluzinativen Phase angekommen (wäre ja auch ungesund früh nach 25 Kilometern). Es ist also Tatsache: Eine tolle Truppe (der Anführer ist der Mann einer Mitmarschierenden) hat sich kurzerhand entschlossen, uns Hikern eine kulinarische Freude zu bereiten. Neben Salami, Käse und Champagner (lasse ich selbstverständlich aus) erblicken meine Augen ein Körbchen. «Wetsch eis?» fragt mich ein junger Mann. Der Inhalt seines Behälters ist der Beweis, dass es das Schlaraffenland gibt. Ja, und auch kulinarische Engel gibt es! Ich lerne gerade den zweiten am heutigen Tag kennen. Zurück zu seiner Frage bzw. meiner Antwort: Ich tanze, ich schreie, ich juble und antworte feierlich: «Oh mein Gott, äs git sie no!!! Seeeehr gärn nimm ich eis use – das isch s’Geilschte, was mir jetzt grad het chönne passiere». Von meiner Reaktion ist er so überrascht, dass er mir freudig anbietet, noch ein zweites mit auf den Weg zu nehmen. Ich denke an die vielen Märschlern, die hinter uns gehen und auch noch von dieser Überraschung profitieren sollen. Aber auch daran, dass ich gerade die beste Kulinarik vor meinen Augen habe und so entscheide ich mich für einen Tausch. Ich lege meine beiden (am VP1 ergatterten) Ovischoggistängeli in sein Körbchen und fische mir genussvoll zwei Retro-Ovi-Prügeli heraus.

Es geht mir nach wie vor gut, ich finde mein Projekt super und ich habe tatsächlich viele Momente, die ich einfach nur geniessen kann – auch wenn wir nach wie vor in einem ordentlichen Tempo unterwegs sind. Doch dann schlägt die Schmerzkreativität meines Körpers ein erstes Mal zu und zwar an einer mir völlig unbekannten Stelle: am Knie. Gerade und bergauf laufe ich komplett schmerzfrei, sobald es bergab geht, spüre ich einen stechenden Schmerz auf der Aussenseite. Es fühlt sich etwa so an, als hätte jemand einen Nagel eingeschlagen. Da der Schmerz mit Seitwärtsgehen ausgetrickst werden kann, kümmere ich mich nicht weiter um mein Knie – der Schmerz ist auch nicht stark genug, um an einen Ausstieg zu denken. Es geht also guten Mutes, und halt manchmal seitwärts, weiter in Richtung Rapperswil.
Ich bin auch noch fit genug, um Komplimente zu verteilen. So auch einer Frau mit unglaublich schönen grau-blonden Haaren. Wir kommen ins Gespräch, tauschen wichtige Fakten zum Thema Haarfarbe aus (da kann ich mit meinen aktuell pinken Haaren gut mithalten) und verabschieden uns wieder. Die Floskel «Auf Wiedersehen» wird für einmal keine Floskel bleiben…
Kurz vor Kilometer 30 steigt unser erster Überraschungsgast zu uns. Danke Irina! Obschon sie das Wandern hasst wie nichts anderes, begleitet sie uns einige Kilometer und sorgt für zusätzliche Unterhaltung. Und nicht nur das: sie führt in ihrem orangen Rucksack (merkt ihn euch!) einen halben Kiosk mit sich und stillt unsere Gelüste im Nu – egal ob süss, fruchtig oder salzig. Vergessen gingen beim Packen allerdings die Blasenpflaster. Aber kein Problem, davon habe ich genug und spendiere ihr auch gerne eines.
Eine Erklärung für alle, welche nicht den ganzen Blog gelesen haben: Auf meinen Geburtstag habe ich von meinen Freunden ein ganz besonderes Geschenk bekommen: Einige von ihnen werden mich auf meiner Challenge des Lebens je ein Stück begleiten – die Organisationszentrale leitet mein Mann – in einem 24 Stunden-Einsatz. Er hält die Überraschungsgäste auf dem Laufenden betreffend Zeit und Standort.





Erkenntnis (dank den vielen Reaktionen auf meine Aussage auf dem geposteten Video): Die Pfütze wird auf den ganzen 24 Stunden rechts von uns liegen – auch auf dem Rückweg von Rapperswil nach Zürich. Dass dem nicht so ist, werdet ihr später erfahren…


Kilometer 30-40

Mehr Kilometer als geplant später verlässt uns unser erster Überraschungsgast und wird beinahe nahtlos vom zweiten Gast abgelöst. Danke Margrit! Das schweizweit allerschnellste «alte Guetzli» schlägt ein ordentliches Tempo an und so bleiben wir weiterhin weit vor unserer geplanten Zeit – mittlerweile sind es um die 50 Minuten «Vorsprung». Bei Kilometer 38 füllen wir unsere leeren Mägen und Wasserflaschen am VP2 auf und geniessen als «Dessert» das von unserem Überraschungsgast mitgebrachte Salamiprügeli – yammi, was für ein Genuss!!! Zur richtigen Zeit eine Portion Fleisch und Salz.

Die Route führt uns auf dem Höhenweg über Felder und durch einige Waldabschnitte. Die Strecke und Wetter sind nach wie vor wunderschön, die Stimmung gut und das Leiden noch im Rahmen. 





Erkenntnis: Nicht das Alter ist entscheidend, sondern die Fitness, das richtige Mindset und vor allem die Freude.


Kilometer 40-50

Kurz nach der 40er-Marke ergänzt der nächste Überraschungsgast, meine Mama, unsere Truppe und wir laufen zu viert weiter. Ich habe ja eigentlich das Gefühl, dass unser Tempo recht ordentlich ist, immerhin haben wir bei Kilometer 40 schon einen zirka 50minütigen Vorsprung auf meinen Zeitplan. Die beiden über 70jährigen Überraschungsgäste entpuppen sich allerdings gerade als engagierte Pacemakerinnen und ziehen uns regelrecht mit. So können wir nochmals einige Minuten gut machen und kommen nach 50 Kilometern mit einer ganzen Stunde Vorsprung gegenüber meinen Berechnungen in Rapperswil an. Danke Mami! Schön, dass du da bist.

Die Hälfte ist geschafft. Als Halbzeitbelohnung warten mein Mann und mein jüngster Sohn auf mich – ein schönes Gefühl! Danke ihr beiden!
Die 50km-Marke ist erreicht und der Zeitplan hält: Eine wohlverdiente grössere Pause ist angesagt. Nickerchen? Falsch gedacht. Die Stunde ist mit WC-Pause, Füsse einschmieren, neue Gäste begrüssen, Nachtausstattung montieren (dickere Hose, Pulli, Stirnlampe und Lichterkette – diese soll die anderen Märschler erfreuen) und Znacht essen schneller vorbei als gewünscht. Und jaaaaaa: Ich ergattere mir eine Portion Ghackets mit Hörnli – meine sehnlichst erwarteten Hörnli mit Ghackets – yammi! Aaaaaaber: Auch nach zweimaliger Umrundung der ganzen Kantine finde ich kein Apfelmus. KEIN APFELMUS!!!!! Schnell observiere ich die Teller der anderen Märschler und sichte auch bei ihrer Beute KEIN Apfelmus. Es ist also Tatsache, es gibt definitiv KEIN Apfelmus. Ghackets mit Hörnli OHNE Apfelmus? Das ist wie ein Toast Hawaii ohne Ananas, oder ein Schoggiweggli ohne Schoggi oder was auch immer. Ich bin mir auf jeden Fall sicher: Mein Startgeld fordere ich zurück! Ende der Diskussion.
Und um den aktuellen kulinarischen Frust noch psychologisch-sportlich einzuordnen: In dieser Woche hatte ich Kontakt mit dem Ex-Skiprofi Raphael Fässler. Im Austausch gab er mir u.a. den folgenden Ratschlag mit auf den 100er: «Gäll, peripheres Sehen nicht vergessen!» Das habe ich gerade in Perfektion gemacht und so den Fokus von meinen Füsse lösen können – die finden die Latscherei langsam aber sicher nicht mehr so lustig, freuen sich allerdings über den Hirschtalg, den sie gerade verpasst bekommen.
Während ich mein Essen geniesse, stossen immer mehr Überraschungsgäste hinzu! Es ist ein Genuss! Es macht so unglaublich Freude, dieses Erlebnis mit so vielen guten Leuten teilen zu können. Ein unvergessliches Projekt! Und mehr als eine würdige Entschädigung fürs fehlende Apfelmus…






Erkenntnis: Lieber ohne Apfelmus als ohne Freunde durchs Leben

Kilometer 50-54

Die nächsten vier Kilometer sind einfach nur «AMAZING» (diese Meinung teilt auch meine Co-Moderatorin – siehe Video 😊). Falls mich jemand fragt, warum ich so Zeugs mache, hier meine Antwort: Wegen Momenten wie diesen! Gemeinsam mit einer motivierten Schar von Freunden laufe ich über den Holzsteg von Rapperswil nach Pfäffikon – auf unserer Rechten (ja, immer noch rechts!) strahlt der Zürichsee in vollem Glanz, der Himmel kreiert gerade sein schönstes Abendrot, die Stimmung ist super und ich spüre einen Mix aus Dankbarkeit und Zufriedenheit. Ich bin mir bewusst, dass dies ganz spezielle Momente sind und geniesse sie in vollen Zügen.

Auf der Strecke über den Damm von Rapperswil nach Pfäffikon lernen wir den von uns benamsten Mr. Riddle kennen. Der nette Mann läuft für einen guten Zweck. An seinem Rucksack ist ein Bag angeheftet und darin befinden sich liebevoll kreierte, laminierte Rätsel. Ein Zettel an seinem Rucksack fordert die Marschierenden auf, ein Rätsel zu ziehen. Weiss man des Rätsels Lösung, so darf man die Karte am nächsten Leidenden weitergeben, damit auch dieser die Strapazen für einen Moment vergisst und mit Rätseln beschäftigt ist. Findet man es nicht heraus, wird man aufgefordert, für eine Kinderorganisation zu spenden. Wir beschäftigen uns mit drei Rätseln und es gelingt uns tatsächlich, alle drei zu lösen. Was für eine schöne Idee, danke Mr. Riddle.
In Pfäffikon steigt die älteste Generation aus. Mit dabei mein Schwiegervater – auch er hat es sich nicht nehmen lassen, ein Stück mitzulaufen. Danke Peter!

Viele sind hier schon an ihrem Ziel - wir immerhin in der Hälfte...




Erkenntnis: Freunde sind Menschen, die dir nicht den Weg zeigen, sondern ihn mit dir gehen.

Kilometer 54-60 

Nach einem wunderschönen Sonnenuntergang hält die Nacht Einzug. Und à propos Zug: Marlen und Roli, zwei weitere Überraschungsgäste schnappen sich die (beinahe) letzte Zugmöglichkeit und verabschieden sich in Bäch, nachdem auch sie einige Kilometer mehr mitgelaufen sind, als geplant. Sie überreichen uns beim Abschied noch ein Tütchen mit Studentenfutter. Danke Marlen! Danke Roli! Schön, dass ihr auch ein Teil meines Projektes seid. Ihr macht jede Situation zu einem Zuhause! Da der Znacht doch schon wieder knapp zwei Stunden her ist, wird das Studentenfutter genüsslich verfuttert. Dass mich dieses Häppchen ein Missgeschick überstehen lässt, weiss ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Auf diesem Streckenabschnitt begegnen wir Mr. Riddle ein weiteres Mal. Super Gelegenheit, um die gelösten Rätsel gegen neue einzutauschen.





Erkenntnis: In der Nacht sieht der See an jeder Stelle gleich aus


Kilometer 60-70

Der Seeweg will und will nicht enden, wir latschen seit vier Stunden auf einem Kiesweg dem See entlang. Im Dunkeln. Und nichts passiert. Ein Fuss vor den anderen. Und das nun schon rund 50'000 Mal mit dem rechten und genauso viele Male mit dem linken. Was soll der Scheiss hier? Alles sieht gleich aus und es fühlt sich an, als kämen wir nicht vorwärts.  «Mich schiiissts langsam ah!» Mein Schuhbändel hört mein Klagen, öffnet sich und möchte wieder gebunden werden. Danke, das gibt mir eine kleine Pause. Ich lasse mich auf eine Treppe fallen und möchte am liebsten nie mehr aufstehen. Zum Glück sind unsere beiden Überraschungsladies noch guten Mutes und Lea lässt sich von meiner Phase auch nicht anstecken. Wir ziehen also weiter. Und jetzt im Ernst: keine Ahnung, wer mir den Schuh gebunden hat, ich war es jedenfalls nicht. Aber ordentlich geschnürt ist er wieder… (da war vielleicht ein weiterer Engel im Einsatz).


Aber echt jetzt: Für was genau soll der Fussschmerz gut sein? Warum tut man sich so was an? Noch bevor ich diese Frage beantworten kann, steht ein kleiner PW mit geöffnetem Kofferraum vor uns. Eine liebe Frauenstimme begrüsst uns mit den Worten: «Wänder öpis Guets mit uf de Wäg näh?» Es gibt sie definitiv, die Engel – da gibt es keine Zweifel mehr. Beweise dafür habe ich allein heute genügend gesammelt: Ich komme ja gar nicht mehr nach mit Zählen. Da stehen doch tatsächlich zwei gutgelaunte Frauen auf einem Vorplatz und bieten uns jede Menge Leckereien an. Einfach so. Für eine gute Sache. Für uns. Selbstlos. Mit grossem Herz (und eventuell ebenso viel Mitleid). Danke, ihr Lieben! Zur richtigen Zeit am richtigen Ort! Habt ihr gewusst, dass es Darvida mit Ovoschoggiüberzug gibt? Ich jedenfalls nicht und so ist meine Freude um so grösser. Ich öffne die Packung, beisse herzhaft hinein und kann sodann die Möglichkeit einer (der Krise verschuldeten) temporären Halluzination ausschliessen. Ich werde die Vermutung nicht los, dass Engel einen Zusammenhang mit Ovomaltine haben. Ovomaltine und Wandern haben definitiv einen. Die Ovomaltine wird ja nicht umsonst von der Firma Wander AG hergestellt…


Liebe Wander AG
Ich bin eine begnadete Ultrastrecken-Wanderin (ab Kilometer 60 meist etwas weniger begnadet, dafür leidend) und trage Ihre himmlischen Ovoprodukte auf meinen Märschen in die ganze Welt (also zumindest in die ganze nahe Welt). Zudem mache ich auf meinem internationalen Blog (ein paar deutsche Leserinnen und Leser kann ich ausweisen) kräftig Werbung für Ihre Produkte. Wenn ich zudem noch in einem orangenen Ovomaltine-Shirt marschieren würde, könnten Sie sich dann ein Sponsoring vorstellen? Ich würde mich zum Beispiel über die Kostenübernahme meiner Ausland-Marschreisen riesig freuen, oder über ein Ovomaltine-Shirt, oder auch über ein in Alufolie eingepacktes Ovoprügeli.
Über eine positive Rückmeldung würde ich mich sehr freuen.
Ich sende Ihnen von Herzen (mit Schmerzen!) liebe Grüsse vom 100 Kilometermarsch rund um den Zürichsee (auch Pfütze genannt)
Ihre ovoliebende Simone Kunz


So einfach bin ich gestrickt: Eine kulinarische Überraschung und meine Denkleistungen sind gleich wieder auf 100 (naja, nicht ganz, aber immerhin fühlen sie sich gerade so an und das ist die Hauptsache). 

Im Glauben, gross und stark zu sein nehme ich die nächsten Kilometer in Angriff. Unglaublich, aber wahr: auch nach einigen Krisenkilometern sind wir immer noch super in der Zeit – die Stunde Vorsprung können wir konstant wahren.
Auf diesem Streckenabschnitt benötige ich einen weiteren Joker: Die Schülerinnen und Schüler meiner letzten Schulklasse haben mir zum Abschied Audios mit Motiviationssprüchen geschenkt. Zieht eine neue Minikrise ein, so höre ich zwei bis drei Sprüche ab, amüsiere mich köstlich und lasse mich mit ihnen ein paar hundert Meter treiben. Eine wunderschöne und vor allem wirkungsvolle Idee.
Auch auf diesen Kilometern begegnen wir Mr. Riddle und ziehen eine neue Karte. «Wann kommt HEUTE vor GESTERN?» lautet die nächste Quizfrage und ich muss schmerzhaft feststellen, dass meine Denkleistung nach über 15 Stunden Marschiererei doch nicht mehr bei 100% liegt. Zum Glück sind unsere Überraschungsgäste noch voll im kognitiven Schuss, vermuten, dass des Rätsels Lösung etwas mit dem Alphabet zu tun haben könnte und sprechen den Quizmaster darauf an. Der bemerkt sogleich, dass die vom Englisch ins Deutsche übersetzte Version dieser Frage nicht funktioniert und die Situation sorgt bei uns allen für einen fröhlichen Lacher, der allen gut tut. So knacken wir nebenbei doch tatsächlich die 70 Kilometer-Marke.







Erkenntnis: Irgendwann wird’s nicht mehr schlimmer.

Kilometer 70-80 

Wir laufen noch weitere fünf Kilometer auf der schier nicht endenden Seestrasse in Richtung Horgen. Am Bahnhof in Horgen verlassen uns die beiden Übriggebliebenen aus der Rappi-Truppe – auch sie mit ordentlich mehr Kilometern in den Beinen als ursprünglich geplant. Danke Nadia! Danke Simone! Ich bin euch mega dankbar, dass ihr meine Krisen auf dieser elend langen Seestrasse ausgehalten, ja sogar getilgt und stets für gute Laune gesorgt habt. Und falls eine von euch meine Schuhe gebunden hat: Merci!
Der nächste VP rückt näher…
Aber zuerst heisst es, ordentlich Höhenmeter bewältigen. Ihr könnt euch nicht vorstellen, was für eine Wohltat diese Höhenmeter sind nach so vielen Stunden langweiligem, gerade aus verlaufendem Kiesweg. Mr. Riddle muss uns beim Bahnhof in Horgen überholt haben, als wir unsere beiden Ladies verabschiedet haben, denn auf einmal holen wir ihn in der Steigung wieder ein. Wir gehen ein paar hundert Meter gemeinsam den steilen Hang hinauf und fragen uns dauernd, wann denn endlich der VP mit den Schoggibrötli kommt. Einmal verlaufen wir uns. Wir bemerken die Fehltritte aber sehr schnell und sehen, dass unser Weg bereits nach 100 Metern wieder in die Originalroute führt. So entscheiden wir uns, nicht umzukehren. Mr. Riddle lässt uns losziehen. Der VP will und will nicht kommen und nach einem wunderschönen Stück Höhenweg mit Blick auf die Pfütze geht es wieder in den tiefen, dunklen Wald hinein. Das kommt uns spanisch vor und wir beschliessen, den nächsten Menschen, den wir sehen, zu fragen. Es ist weit nach zwei Uhr in der Nacht. Da kommt eine kleine Gruppe Männer näher. Die Observation ist schnell gemacht: Stirnlampe und hinkender Gang – Märschler! Keine Gefahr! Die Jungs bestätigen uns dann, was wir befürchten: wir haben den VP verpasst. Wir laufen innerhalb von knapp 80 Kilometern und total über 17 Stunden ein einziges Mal für 100 Meter falsch und schon verpassen wir einer der wichtigsten Punkte auf der ganzen Route. Nicht nur wegen den Schoggibrötli, sondern vor allem wegen unserem nächsten Überraschungsgast. Dank Busch- äh… Waldtelefon und Livestandortfunktion (und auch dank psychisch und physisch aufgetanktem Zustand unseres Gastes) schaffen wir es, uns zu finden (oder besser gesagt, unser Gast findet uns). Stellt euch das nicht so einfach vor, wie wenn ihr vor dem Volg auf eure Kollegin wartet, diese vor dem Coop steht und ihr euch dann in der Mitte trefft. Morgens um zwei geht das so: Jemand steht in der Dunkelheit, irgendwo bei einem Pfadiheim im Wald, fernab von jeglicher Zivilisation. Der andere steht in der Dunkelheit, irgendwo im Wald, fernab von jeglicher Zivilisation. Du könntest 20 Meter neben dieser Person stehen, aber wenn ein Baum dazwischen steht (und diese Möglichkeit ist in einem Wald durchaus gegeben), dann findet ihr euch nicht. Egal… wir haben uns gefunden. Unser Gast kennt sich mit dem 100er bestens aus (Finisher vor zwei Jahren), ist navigationstechnisch eine riesen Entlastung (sie führt uns souverän durch den schwarzen Wald, der während vier Stunden immer gleich aussieht) und behält stets die Laune.
Umweg, Warten, Suchen, Finden und zusätzliche Feetpainpause am Weiher kosten uns über eine Stunde – so schnell geht’s und wir befinden uns etwas im Rückstand gegenüber dem ursprünglichen Zeitplan. In diesem ist eine Stunde Reserve einberechnet, die 24 Stunden sind also immer noch möglich.





Erkenntnis:  Könnten meine Füsse sprechen, sie würden kotzen.

Kilometer 80-90 

Die nächsten fünf Kilometer führen uns auf Trampelpfaden über Stock und Stein – und das im Stockdunkeln. Wir verlieren hier nochmals einige Minuten, denn es ist unmöglich, auf solchen Wegen und vor schwarzer Kulisse im Maximaltempo zu marschieren. Die Zeit ist mir mittlerweile aber piepegal, ich möchte einfach nur noch ankommen.
Auf diesen zehn Kilometern watscheln wir (wohlbemerkt nie von der Originalroute abkommend) x hundert Meter lang mit der Pfütze auf der linken Seite – und das nicht nur einmal. Das fühlt sich so was von falsch an, raubt Hirn und Körper Motivation und Energie und ich bin so was von froh, dass Maja uns andauernd bestätigt, dass wir richtig sind und der Weg halt im Zickzack ausgelegt ist. Wer denkt sich bitte so eine Gemeinheit aus? Auf der anderen Seeseite wäre das ja noch okay gewesen, aber bitte nicht nach über 80 gewatschelten Kilometern! Mental-Game lässt grüssen…
Nach über 20 Stunden Marsch kommt plötzlich eine gelbe Tafel auf uns zu. (Vielleicht komme auch ich auf die Tafel zu, aber das ist jetzt egal.) Hauptsache: Wir haben Kilometer 86 erreicht und kommen aus dem Wald. Ein Blick auf meinen Arm zeigt: In zwei Kilometern gibt es ein Frühstück am nächsten VP – und den nächsten Überraschungsgast. Das muss ein Spinner sein…
Ich sehe den nächsten Gast und weiss nicht, ob ich mich freuen (das tue ich nämlich gerade, lasse mir aber nichts anmerken) oder mein Gesicht bewahren soll. Ich entscheide mich für die zweite Variante (alles andere hätte ihn eh nur verwundert), begrüsse ihn und erwähne dann aber auch ganz klar, dass ich mich jetzt nicht über ihn, sondern übers Frühstück freue. Und eigentlich bin ich ja auch voll davon überzeugt, dass er mich nur begleitet (und ausgerechnet auf der Schlussphase), damit er mich leiden sieht.
Lea (noch in der Lage, einigermassen klar zu denken), erkennt sofort: «Das ist der Mann unseres ersten Überraschungsgastes». Dazu soll erwähnt sein: Sie hat die beiden noch nie vorher gesehen und hat auch nicht gewusst, dass 18 Stunden später der zweite Teil dieses Paares auch noch aufkreuzt. Wenn ihr bis hierher den Blog gelesen und auch die Fotos genau studiert habt, dann findet ihr des Rätsels Lösung.
Themawechsel: ES GIBT FRÜHSTÜCK! Und wer steht strahlend hinter der Theke und sagt: «Ich habe auf euch gewartet und extra noch Birchermüesli reserviert!»? Unser Engel von VP1. Es gibt also nicht nur Spinner, welche die ganze Nacht durchlaufen, sondern auch Spinner (und das ist so was von lieb gemeint), welche die ganze Nacht für unser kulinarisches Wohl wach bleiben. Ich liebe diese Momente! Danke Zürich!
Und da kommt sie wieder, die Gretchenfrage, dieses Mal von Maja: «Jetzt erzähl mal kurz, warum machst du das?». Meine Antwort findet ihr im Video… Bääääm! Wieder so ein Moment! Und es gelingt mir tatsächlich, auch noch nach 88 Kilometern, Momente wie diese als besonders wahrzunehmen und zu geniessen.
So, fertig geniessen. Rein in die Schuhe und weiter geht’s. Ich will gerade die Frühstückshalle verlassen, da fragt mich eine Frau mit wunderschönen grau-blonden Haaren: «Und, hat es geklappt mit deinen Überraschungsgästen?» - Man sieht sich immer zweimal im Leben.
Nach diesem schönen Wiedersehen geht es weiter auf die Route… das Ziel ist zum Greifen nah. Es sind nur noch 12 Kilometer, noch gut 15'000 Schritte.
Ich erlebe gerade eine kulinarische Versöhnung. Nach diesem tollen Frühstück sehe ich davon ab, mich beim Organisator für das fehlende Apfelmus bei Kilometer 50 zu beklagen und mein Startgeld zurückzufordern. Würdet ihr mir dafür auch verzeihen, dass ich beim VP1 zwei Ovo-Schoggistängeli mitgenommen habe?
Die nächsten fünf Kilometer sind streckenmässig langweilig. Es geht der Sihl entlang. Alles geradeaus. Einen Schritt vor den anderen. Immer die gleich aussehende und monoton rauschende Sihl – immerhin ist das nasse Nass auf der linken Seite. Hier sind unsere beiden Wegbegleiter gefordert und sie machen das vorbildlich! Sie verwickeln mich in interessante Gespräche und übernehmen auch weiterhin die Navigation. Und es ist endlich wieder hell! Weitsicht! Häuser! Menschen! Die Welt ist zurück!
Und 90 Kilometer sind geschafft!





Erkenntnis Nr. 1: Die Nacht ist dunkel – sehr dunkel. Und lang.
Erkenntnis Nr. 2: Min Grind isch definitiv stärker als de Körper.


Kilometer 90-100

Und nochmals geht es über fünf Kilometer der Sihl entlang. Alles geradeaus. Einen Schritt vor den anderen. Immer die gleich aussehende und monoton rauschende Sihl. Streckenmässig wirklich der langweiligste Teil des Marsches. Ich nutze die Gelegenheit, um mein Überraschungsgast in meine sportpsychologischen Überlegungen einzuweihen. Ich möchte eine Frage so gerne beantworten, für die ich bisher in meiner Tätigkeit als Sport Mental Coach noch keine abschliessende Antwort gefunden habe.
Was bietet der Erfolg, was die Leistungserbringung nicht bieten kann?
Oder in meinem Fall: Ich habe 99.99 Kilometer lang so vieles geleistet und erlebt. Was bietet der letzte Schritt, der Schritt über die Ziellinie? Was genau bringt mir der letzte Schritt? Oder was könnte mir (eventuell) fehlen, wenn ich ihn nicht mache? Ich bin den ganzen Weg inkl. der langen Vorbereitung gerne gegangen. Oh Mann, wie viele «moments like this» ich in dieser Zeit erleben durfte!!! Brauche ich den letzten Schritt? Brauche ich die Medaille?
Mein Wegbegleiter kennt meine drei stärksten Charaktereigenschaften nur zu gut:
- Mein Kopf denkt extrem kreativ (auch crazy genannt)
- Ich liebe es, ausserhalb der Komfortzone zu experimentieren
- Min Grind isch en Dickschädel (auch zielstrebig genannt)
Er (also mein Wegbegleiter… und wenn ich es mir recht überlege: mein Kopf auch!) weiss genau, dass ich im Stande wäre, das Experiment auszuprobieren und ein paar Meter vor dem Ziel auszusteigen. Er (also mein Wegbegleiter) sagt dazu nur trocken: «Und wenn ich dich über die Ziellinie schmeissen muss, ich bringe dich ins Ziel». Er (also mein Kopf) sagt dazu (lautlos natürlich): «Mal sehen, wer heute stärker ist…» Ich freue mich auf die Challenge in der Challenge…
Und schwupp, schon steht das nächste gelbe Schild vor uns: 95 Kilometer sind erreicht – noch 5 Kilometer (oder nach meinem Plan noch 4 Kilometer und 999 Meter).

Und es wird nochmals richtig hart. Irgendwann befindet sich das Ziel in unmittelbarer Distanz auf der linken Seite aber neiiiin, es gibt noch eine riesengrosse Zusatzschlaufe zu gehen. Penibel genau, wie ich mich vorbereitet habe, hatte ich diesen «Brain-F***» natürlich auf dem Radar und habe mir im Vorfeld ein Bild ausgedruckt für diesen Moment. Mein jüngster Sohn hat diese Woche mit Strassenkreide den Zieleinmarsch aufs Trottoir gemalt und gross darübergeschrieben: LÄUFÄ MAMI. Diesen Joker ziehe ich jetzt und geniesse seine Wirkung.

Und eine Kurve weiter erkenne ich eine mir sehr vertraute Person. Danke Mami! Dass sie ein Stück mitläuft, habe ich im Vorfeld gewusst. Aber dass sie kurz vor dem Ziel nochmals auftaucht und mich überrascht, war ihr persönliches Geheimnis und hat mir den emotionalsten Moment des Marsches verschafft.
Die letzten Höhenmeter(chen) werden also zu fünft angepackt. In der allerletzten Kurve warten mein Mann und mein Jüngster – Bääääm! Ein weiterer wundervoller Moment!!! Nach einem dicken Knuddel nehme ich den Kleinen spontan auf die Schulter. Familie und Freunde verlassen die Route auf den letzten fünf Metern, laufen auf der Seite mit und treiben mich mit lauten Rufen an.

«JUHUUUUUUU!!!!!»
«HOPP, BIS INE!» (Mein Mann kennt meine Fragestellung betr. Ziellinie und auch meinen «Grind»)
«JETZT!»
«JAWOOHHHL!!!»
«JUHUUUU!»
Klatschen – Jubeln – Schreien
Mit einem meiner drei Kindern auf den Schultern laufe ich über die rote Ziellinie. Was für ein schönes Gefühl! Ich habe es geschafft. Die 100 Kilometer sind gemeistert! Es ist 8.28 Uhr. Zwei Minuten vor 24 Stunden – so viel Zeit gibt die Challenge vor. 


 

100km in 24h: 
Challenge erledigt






Die Momente danach
Die erste Amtshandlung danach: Raus aus den Schuhen!
Dann eine dicke, wohltuende Umarmung meines Mannes direkt nach dem Erhalt der Finishermedaille. Danke, min Fätze! Du hast die Überraschungsgäste geplant, meine ganze Vorbereitung ausgehalten und mich emotional immer unterstützt. Schön, dich an meiner Seite zu haben! Und ich freue mich auf unseren ersten gemeinsamen Marsch (ich warte noch auf deine Wunschdestination…)!
Und dann von Herzen: Danke Maja! Du hast uns souverän durch die Nacht navigiert und motiviert. Zur richtigen Zeit die richtige Person! Danke Thomas! Es fällt mir zwar schwer, dies zuzugeben, aber auch hier gilt: Die absolut richtige Person zur absolut richtigen Zeit! Und ja: 

Ihr habt es geschafft, mir das Denken für einen kurzen Moment abzustellen, mich emotional zu berühren und mir somit die Entscheidung abzunehmen, eventuell nicht über die Ziellinie zu gehen. Ich habe auf den letzten 100 Metern schlichtweg nicht mehr dran gedacht…

Und nun zu einer speziellen Person. Ich bin noch nie in meinem Leben länger neben einer anderen Person her spaziert wie neben dieser: Danke Lea! Mein Projekt wurde zu unserem Projekt. Gemeinsam sind wir im In- und Ausland viele hundert Kilometer marschiert, haben Höhen und Tiefen erlebt und dabei (fast) immer eine grosse Freude verspürt. Du bist und bleibst meine Wander-Gordine.


Wie es mir jetzt geht? Ich sitze im wunderschönen Saal des Restaurants Albisgüetli, mit dem Finishertoast in der Hand (der beste Toast, den ich je in meinem Leben gegessen habe), der Medaille um den Hals und mit saumässig schmerzenden Füssen. Aber es geht mir gut. Bin ich stolz? Nein, ich verspüre gerade keinen Stolz. Vielleicht ist das auch gar nicht nötig. Ich spüre eine grenzenlose Dankbarkeit und das fühlt sich gerade unglaublich erfüllend an.

Ich bin dankbar, dass ich so viele wunderschöne Momente während der letzten 24 erleben durfte.

Dankbar, dass meine Gesundheit eine solche Challenge zulässt.


Dankbar für alle Begegnungen, welche ich auf den Trainings- und Wettkampfmärschen geniessen durfte. 

Dankbar, dass ich in einem wunderbaren Land leben darf, in dem eine solche Veranstaltung problemlos durchgeführt werden kann.

Dankbar, dass es Menschen gibt, die für Events wie diesen brennen und dafür Freiwilligenarbeit ohne Ende leisten.


Dankbar, dass ich durch den Blog und die MM-Days Menschen fürs Wandern motivieren konnte. 

Dankbar, dass mein Mann und meine Familie meine hirngespinstigen Ideen unterstützen.

Dankbar, dass ich so unglaublich gute, wohlwollende und tolle Freunde habe.

Dankbar, dass mich psychisch und physisch, vor Ort oder in Gedanken, so viele Menschen begleitet haben und ich den Weg nicht alleine gehen musste.

DANKE!

p.s. Könnt ihr euch an mein Zielbild bzw. meinen Zielsatz in Folge 9 erinnern? Meine offizielle Ankunftszeit möchte ich euch nicht vorenthalten: 8:29:31 Uhr

Drei Tage nach dem Zieleinmarsch
Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie viele Male ich in den letzten Tagen gefragt wurde: «Und jetzt? Was ist dein nächstes Projekt?»
Freut euch auf den nächsten (und letzten) Blogeintrag nächste Woche… (spätestens Montag - versprochen!)



Folge 24: Megamarsch Stuttgart, 100km in 24 Stunden

6./7. September 2025

Wann: 6 Tage nach meinem 100er in Zürich (2 Tage nach meinem Finish entschieden und gebucht)


Warum: Weil ich einen Teil dessen, was ich letzte Woche erleben durfte mit meinen Freunden als Überraschungsgästen, zurück- bzw. weitergeben will. Erst mit diesem Schritt fühlt sich das Projekt als vollständig erfüllt an. 


Was: Ich überrasche meine Deutschen Marschfreunde (auf einem Marsch in Nürnberg kennengelernt) spontan kurz nach dem Start und begleite sie auf IHRER "Challenge des Lebens". Bis Kilometer 80 sind wir grösstenteil gemeinsam auf dem Weg - durch den Tag und durch die Nacht und viele Höhenmeter erklimmend. Wegen Knieschmerzen und Kreislaufproblemen muss ich auf den letzten 20 Kilometern mein eigenes Tempo laufen. Ich schaffe es nicht mehr, meine kameradschaftlichen Absichten bis zum Schluss durchzuziehen und erreiche unter Tränen und komplett erschöpft das Ziel ohne sie. Rund eine halbe Stunde später ist unsere Truppe (total vier Männer und ich) aber wieder beisammen: ALLE haben die Challenge geschafft! Gratulation Jungs und Willkommen im Club der 100er!

Das Projekt ist hiermit offiziell beendet. 


Mit diesem Satz schliesse ich ein Projekt voller Dankbarkeit, einzigartigen Momenten, körperlichen und mentalen Höchstleistungen, unglaublich tollen Begegnungen und ja: auch Stolz, ab.

 


DANKE




P.s. 1: Raphael, falls du diese Zeilen liest: Du bist echt krass. Ich ziehe den Hut vor dir. Danke, dass wir die letzten, härtesten Kilometer zusammen meistern und gemeinsam ins Ziel laufen konnten!

P.s. 2: Ab sofort werden nur noch Wellness-Projekte angerissen...

P.s. 3: Ich habe mich auch heute mit meiner noch ungelösten Frage beschäftigt und ich kann mit 100% Überzeugung berichten: NEVER hätte ich einen Meter vor dem Ziel aussteigen können!